Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 27 (1863)
- Issue
- Heft 45 (3.11.1863)
- Date
- 1863-11-03
- Page
- Seite 690 (sequence 2)
- Language
- German
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690 ticm so traurigen Zustande sich befindet, in einer Lage der Zerrüttung und des Verfalls, daß, so hoch auch der Werth und die Bedeutung der großen Völkerschlacht angeschlagen werden mögen, dieselbe als Ausgangspunkt einer fröhlichen und glücklichen Entwickelung nicht angesehen werden kann. Daß die Schlacht bei Leipzig für ganz Europa, ja für Frankreich selbst, die Befreiung von einem unerträglich gewordenen Joche und Systeme erfochten habe, das ist gewiß, das ist ihr Ruhm, das ist der dankenswerthe Preis für das vergossene Blut der Väter. Aber was sich hieran schloß, was nach ihr erstand, was sich später gestaltete und entwickelte, das ist es, was tief betrübt und die Freude dämpft. Weder für die europäischen Völker und Staaten untereinander noch in dem Schoße derselben, in ihrem Innern, kam durch die leipziger Schlacht ein Princip zum Siege, ein organischer Grundsatz, ein weltbeherrschender Gedanke zur Obwaltung. Eher könnte man sagen, daß in diesem Kriege und dieser Schlacht die zwei sich seitdem nur im mer tödtlicher bekämpfenden Principien thätig und lebendig waren, die nun nach dem erfochtenen Siege um so nachdrücklicher gegeneinander austraten und die Welt zu zerrütten begannen. Man wollte die Nationalitäten von dem Joche der französischen Herrschaft befreien, und doch machte sich nach dem Siege die politische Völkermengerei, das System des rein polirischen Staates, der die Nationen theilt und zusammenwirst, theils wie das Schwert theils wie die Diplomatie es durchsetzt, alsbald wieder geltend. Es sollten fortan die europäischen Völker constitutionelle Rechte und Freiheiten erhalten, und doch trat sofort nach dem Kriege der Absolutismus mit der Forderung der Machtvollkommenheit wieder auf und wannte alle ihm zu Gebote stehenden Mittel an, um jedes ihm cntgegenstehende Verlangen zu unterdrücken. Aus dem Leichenfelve Leipzigs also erwuchs erst recht der Kampf zwischen diesen großen Principien, auf ihm wurde die Saat der Revolutionen erst recht ausgesäet und ein Kamps angesponnen, dessen Ende und Ausgang noch jetzt in völliges Dunkel gehüllt ist. So sehen wir nach den verstosscneu fünfzig Jahren Deutschland in noch größere Uneinigkeit und Verwirrung versunken, als es in den schwächsten Zeiten des „römischen Reiches" durchlebt hatte. So sehen wir in Europa den Kampf über die Selbständigkeit der Nationalitäten in einer Weise entbrannt, welche an die Wildheit der barbarischsten Zeiten erinnert. So sehen wir den Streit der constitutionellen und absolutistischen Principe in jedem europäischen Staate entzündet, und wo etwa ein Stillstand, eine momentane Ruhe vorhanden, spielen doch unaufhörlich die Funken aus der verdeckenden Asche hervor und aufsteigende Rauchsäulen bezeugen, daß der Krater noch nicht geschlossen, der Vulkan noch nicht ausgebrannt. Was sich vielmehr als Resultat ergeben, ist, daß die Parteien sich zu einer solchen Schroffheit ausgebilvet, daß dadurch alles Gefühl der Gerechtigkeit, der Bildung und des Geschmackes völlig verdrängt worden und irgend eine Ausgleichung, eine Verständigung, um eine naturgemäße Entwickelung zu begründen, völlig aussichtslos ist. In dieselbe Schärfe der Gegensätze ist darum aber auch aller geistiger Gehalt der europäischen Welt hinausgerathen, und dieselbe Bitterkeit, derselbe Geist der Verfolgungssucht und des Vernichlungsdurstes hat sich in Wissenschaft und Religion zum Beherrscher der Zeit gemacht. Scheint es doch, als ob die Wissenschaft jeden ihrer staunenswertheu Fortschritte ebenso wie das kleinste Ergebniß ihrer Experimente zur Vernichtung alles religiösen Bewußtseins und jedenfalls damit der festen sittlichen Grundlage benutzen will und nur darin einen Erfolg jener erblickt. Wenn es Zeiten gab, in welchen die Kirche die Wissenschaft zu ihrer Magd machte, so will diese ihr erlittenes Unrecht jetzt an der Religion rachen, obschon der unparteiische und aufrichtige Forscher sich sagen muß, daß cs wohl der Wissenschaft gelingt, den maschinenartigen und physikalischen Theil des Welt- und Menschenlebens zu hellerer und richtigerer Erkenntniß zu bringen, daß aber dadurch die Probleme zwischen Gott und Welt, zwischen dem selbstbewußten, willensfreien und sittlichen Geist und dem Körper nur um so klarer, bestimmter und für die exacte Wissenschaft unlösbarer hingestellt werden. — Gestatten wir uns endlich, noch einen Blick auf die Geschichte der Juden in den letzten fünfzig Jahren zu werfen, so kann man ein Analogon nicht ganz verkennen. Die französische Herrschaft hatte überall den Grundsatz der Gewissensfreiheit und Gleichberechtigung nicht allein proclamirt sondern auch factisch durchgeführt*). Die Juden waren *) Das bekannte napoleonische Decret von 1808 war durch eigenthümliche Vorgänge hervorgerufen, betraf nur einige Provinzen, sollte nur auf 10 Jahre gelten, nach denen es io Frankreich auch erlosch, und berührte lediglich einige industrielle Zweige, die genirt wurden. Dahingegen war kaum der Krieg zu Ende, als z. B. Frankfurt am Main die sogar mit schwerem Gelde erkauften Rechte den Juden absprach, Lübeck sie verjagte und was für Armseligkeiten noch in langer Reihe aufzuzählen wären!