Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 27 (1863)
- Issue
- Heft 44 (27.10.1863)
- Date
- 1863-10-27
- Page
- Seite 675 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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675 pheten, von denen uns Schriftwerke erhalten worden, ganz ohne das Beiwerk der Wunder, zum unzweideutigen Beweise, daß der Ausbau der Lehre frei von ihnen gehalten blieb, und unter den Hagiographen wissen die Bücher der Belehrung von neuen Wundern nichts. Nur die geschichtlichen Bücher der h. Schrift bringen hier und da noch einige Wunderberichte, die aber mit der eigentlichen Sache des Glaubens nichts zu schaffen haben. Dahin gehört auch der geschichtliche Anhang an das erste Buch Jesaias (Kap. 37—30), der auch fast wörtlich im zweiten Buche der Könige enthalten ist, und das Buch Äonah, ein Volksbuch, in welchem dem Volke gerade gelehrt werden soll, daß nicht einmal die Weissagung und ihre Erfüllung zum wahren Prophetcnamte gehört, und daß Gottes Vergebung jedem aufrichtig reuigen Sünder wird, auch wenn ihm der strasredende Prophet schon den Untergang verkündet hat. In diesen, von den geschichtlichen Büchern berichteten Wundern sehen wir zwar noch einigemale die großen nationalen und religiösen Zwecke vorwalten, wie im Kampfe Elijah's mit den Baalspriestern; andererseits aber beginnt in ihnen bereits das Individuelle, Locale und Momentane in Zweck und Art, das den eigentlichen Schriftwundern geradezu entgegengesetzt ist, das der Volkssphare so recht zusagt und allerdings in seiner weitern Entwickelung dem Aberglauben Thor und Thüre öffnet — wovon weiter unten. Mit dem Wunderglauben in nächster Verbindung steht der Engelglaube. Vor der kindlichen Anschauung der Vorzeit wie vor dem wiffenschaftlichen Bewußtsein unserer Zeit hat der Glaube an die Existenz von Wesen, die eine feinere und vollendetere Organisation, eine höhere Begabung und Entfaltung des Geistes, ja eine rein geistige Natur haben, eine gewisse Berechtigung. Die Stufenleiter der Wesen, die von dem kalten Gestein bis zum Menschen hinaufführt, läßt auch eine höhere von uns ab aufwärts voraussetzen. Schon daß die Naturwissenschaft lehrt, unseren Erdball nach seiner Größe, Dichtigkeit, Sonnenferne und allen seinen kosmischen Verhältnissen als einen mittleren Planeten in unserm Sonnensystem anzusehen, gewährt uns die nächste Unterlage zur Annahme höher organisirter Wesen auf anderen Weltkörpern, also zur Existenz höherer geistiger Wesen überhaupt. Während aber das moderne Bewußtsein einen Zusammenhang, Verkehr, eine unmittelbare Einwirkung seitens solcher Wesen mit und auf uns leugnet, beiden die Organe zu einer solchen Wechselwirkung abspricht: faßte das Alterthum diese Wesen so auf, daß sie allerdings die Befähigung besaßen, mit dem Menschen in Verbindung zu treten, ihm sogar leiblich wahrnehmbar zu werden, und machte sie zu Mittelspersonen zwischen Gott und den Menschen in allgemeinen und augenblicklichen Geschehnissen. Die alten Mythologien sind voll solcher untergeordneten Göttergestalten und Geister, denen thcils eine gute theils eine böse Natur zugeschrieben war, wie z. B. die parsische Religion dem Reiche des Lichtes wie dem Reiche der Finsterniß zahllose Scharen von guten und bösen Genien zutheilte. Wie verhält es sich nun hiermit aus dem Gebiete des Alten Testaments? Die eigentliche Schöpfungsgeschichte weiß von diesem Geisterreiche durchaus nichts. Mit der Schöpfung des Menschen ist ihr die Schöpfung vollendet. Ueberall, wo die wirkliche Lehre hervortritt, kennt sie das Dasein solcher Wesen nicht; von ihrer Zwischenkunft und Vermittelung zwischen Gott und Mensch hat sie keine Spur; sie hält fest an der Unmittelbarkeit Gottes zum Menschen und läßt diesen in allem allein von Gott abhangen. elbst die prophetische Begeisterung ist eine unmittelbare Einwirkung des göttlichen Geistes und wird von keinem Zwischenwesen influirt oder getragen. Ebenso sind alle Naturerscheinungen und alle Vorgänge in der Menschenwelt unmittelbares Werk Gottes. Auch hier ist es daher charakteristisch, daß sammtliche Propheten von der wirklichen Existenz von Engeln schweigen.*) Anders verhält es sich in der geschichtlichen Erzählung. Blicken wir zunächst auf die fünf Bücher *) S. unser Bibelwerk, 2. Ausl. Band III. S. 883. — Wenn in den großen Visionen behufs der Berufung Jesaias und Ezechiels zum Prophetenamte jener „Seraphim" um „den Herrn" mit bestimmter Gestalt schaut und hört, und einer von den Seraphim einen Gluhstein mit der Zange vom Alrar nimmt und den Mund des Propheten anrührt, um ihn zu sühnen (Jes. 6, 2 ff.>, Ezechiel hingegen (wieder anders gestaltete) „Cherubim", die er zuerst „Chajoth" nennt, schaut, so sind, genau genommen, weder die Seraphim des erstern noch die Cherubim des letztern als wirkliche wesenhafte Engel hingestellt und anzusehen, sondern sie werden von den Propheten selbst nur in der Vision und als Symbole gegeben, indem die Seraphim symbolisch (von cps) die Läuterung des unreinen Menschen, daß er vor der Heiligkeit Gottes bestehen und von Gott an die Menschen als sein Bote gesandt werden könne, vorstellen, die Cherubim symbolisch als die Träger alles göttlichen Wirkens in der Schöpfung (s. Band II. S. 1141 ff.) gezeichnet werden. Eine Ausnahme von den Propheten macht Secharjah (Kap. 1—9), wovon weiter unten. 44*