Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 27 (1863)
- Issue
- Heft 44 (27.10.1863)
- Date
- 1863-10-27
- Page
- Seite 674 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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674 ihr Motiv. Es zeigt sich, daß die Wunder des Alten Testaments 1) lediglich um die nationalen Zwecke sich bewegen. Um die Befreiung des zum Sclavendienste erniedrigten kleinen und schwachen, der Waffen unkundigen und ungewohnten Volkes, welches noch nichts anderes als eine Masse bildete, zu bewirken; um die Erlaubniß des freien, ungehinderten Auszuges zu erlangen; ferner um die Israeliten in der Wüste, wo sie vierzig Jahre weilen mußten, zu ernähren; endlich um ihnen die erste Eroberung des Landes zu ermöglichen, geschieht eine Reihe von Wundern; und selbst der Ungläubige muß zugesteheu, daß, um diese Facta unter den obwaltenden Umständen, wie die Schrift sie beschreibt, auszuführen, außergewöhnliche Ereignisse nothwendig vorgegangen sein müssen, weil die gewöhnlichen Mittel nicht dazu auSgereicht hatten. 2) haben diese Wunder den auch klar ausgesprochenen*) Zweck, die Gotteslehre im Volke Israel, ja auch in den sie umgebenden und mit ihnen in Berührung kommenden Völkern wurzeln zu machen. Bei dem noch rohen, ungebildeten Volke fand der Hang zur Vielgötterei und zum Götzendienste noch immer einen fruchtbaren Boden; so einfach die Gotteslehre den Israeliten entgegentrat, so war ihr Geist doch noch zu unvorbereitet, um sie bleibend zu fassen. Zwar hatte sich die Batersage von einem Nationalgotte bei ihnen erhalten, konnte sie aber selbst in Aegypten vom Götzendienste nicht abhalten. Die große Lehre von einem einzigen Weltgotte, der in seiner Unendlichkeit und Geistigkeit in keinem Bilde zu fassen und darzustelleu fei, ging noch über die geistige Kraft des Volkes hinaus und der Vorgang am Fuße des Sinai zeigt, daß es immer wieder geneigt war, Götzenbilder zu errichten und anzubeten. Es mußten daher in Begleitung dieser Lehre und zu ihrer Bekräftigung außergewöhnliche Erscheinungen eintreten, die ihnen das Dasein dieses ihnen gelehrten Gottes anschaulich und factisch machten. Es ist daher ein charakteristischer Ausdruck, wenn 2 Mos. 14, 31. gesagt wird, als die Israeliten das ägyptische Heer bei dem Durchgänge durch das Rothe Meer vernichtet sehen, „ehrsurchteten sie den *) Wiederholt wird bei diesen Wundern hinzugefugt: „Damit ihr erkennet, daß ich der Ewige bin", und „damit die Aegypter erkennen, daß ich der Ewige bin/' z. B. 2 Mos. 6, 7. 7, 5. So auch am Rothen Meere 14, 4. Ewigen und glaubten an den Ewigen und an Mose, seinen Diener"*). Der Charakter und das Motiv dieser Wunder gehen also überall ins Große und Allgemeine; es sind die höchsten nationalen und menschevgeschlechtlicheu Zwecke, um derentwillen sie eintreten; sie sind Kundgebungen Gottes an Israel und alle Völker; sie treten nur ein, wenn die Existenz der Nation und der Gotteslehre nicht anders möglich ist; sie sind geschichtliche Nothwendigkeiten und tragen hierin ihre Erklärung und ihre Begrenzung. Hieran schließt sich auch die Art ihre- Geschehens; denn 3) sie geschehen im Angesichte des ganzen Volkes und der sie umgebenden Völker und haben überall die möglichste Oeffentlichkeit um sich; ihr Zeuge ist das gesummte Volk, für und ans das sie wirken sollen. Endlich 4) ist jedes Wunder als unmittelbarer Ausfluß und That Gottes selbst dargestellt und in bestimmtester Weise keinem Menschen die Kraft beigelegt, ein Wunder zu bewirken. Moses weiß die Wunder nicht voraus; in jedem einzelnen Falle verkündet Gott es ihm und schreibt ihm die einfache Manipulation vor, mit der er gleichsam scenisch das Wunder vor den Augen der Aegypter und des Volkes einleiten solle; er soll die Hand mit dem Stabe ausstrecken, damit die Zeugen das Wunder nicht als von ohngefahr eingetreten ansehen sollen, sondern ihnen der Zusammenhang desselben mit dem Thun Mosis deutlich werde. Also weder MoseS noch irgend ein Mensch besitzt die Kraft, das Wunder zu thun; Gott giebt nicht einmal diese Kraft der Person, sondern es ist stets und immer wieder nur Gott selbst, der es thut, und Moses giebt gewissermaßen nur das äußere Anzeichen zu seinem Eintritt. Es ist dies von großer Bedeutung, um für immer den Glauben an die Wunderkraft eines Menschen abzuwehren und um auch den Propheten nicht über das Niveau des Menschen hinwegzuheben. Im Anschlüsse hieran sehen wir denn auch die Pro - *) So sagt auch Rahab in Jericho Jos. 2, 10. I I.: „Denn wir haben gehört, wie ausgetrocknet der Ewige die Gewässer des Schilfmeeres vor eurem Angesicht, als ihr aus Aegypten zöget, und was ihr gethan habt den beiden Königen des Emori, die jenseits des Jordans, dem Sichon und dem Og, daß ihr sie der Vertilgung geweihet. Als wir es hörten, da schmolz unser Herz, und es bestand kein Muth mehr iu einem Manne vor euch, denn der Ewige, euer Gott, ist Gott im Himmel oben und auf der Erde unten".