Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 27 (1863)
- Issue
- Heft 43 (20.10.1863)
- Date
- 1863-10-20
- Page
- Seite 659 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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659 Bewegungen". Jener Kampf wird um so gefahrdrohender, jemehr die Juden sich eines großen Theils der politischen Literatur und der Zeitungspresse bemächtigen und durch ihr Organ, die „Allgemeine Zeitung des Judenthums", den Zusammenhang ihrer Ideen fast über die ganze europäische Welt verbreiten, im Widerspruche mit ihrer Versicherung, daß sie ihr nationales Leben verlassen, der deutsche Jude ein Deutscher, der französische nur ein Franzose sei. — Mitau begnügt sich somit nicht allein mit der an dasselbe gesiellten Frage, sondern wird international und politisch; — ferner hat Mitau „ein beschränkendes Ehegesetz für Juden" vorgeschlagen, weil, zu 18 Jahren gestattet, sie zu viele Ehen schließen und eine „längere Lebensdauer als die Nichtjuden erweisen". Abgesehen von der dain sich zeigenden Sittlichkeit und mäßigen Lebenswandel, wird der Umstand nicht berührt, daß die Ehe freilich eine im Verhältnis ungleichmäßige ist, da für Mitau jährlich 50 jüdische, bei einem Alter von größtentheils 24—28 Jahren, selten unter diesen Jahren und fast nie zu 18 Jahren, dagegen bei einer fünffachen Bevölkerung nur 164 christliche Ehen geschlossen werden, aber dafür die unehelichen Geburten in einem weit größern Umfange verkommen, wie die Statistik im vorigen Jahre für ganz Kurland nur 6 von Juden, und 668 von Christen erwiesen hat. — Nachdem Mitau auf die beschränkenden Judengesetze der deutschen Staaten von 1848 hinweist, läßt es die Judenemanciprtion in Polen aus Nothwendigkeit, nicht aber durch humanes Fortschreiten der erleuchteten Staatsregierung geschehen, äußert sich daher wie folgt: „Der Judengleichstellung in Polen kann die aus Gründen der Staatsklugheit gebotene Ansicht zu Grunde liegen, den der Regierungsgewalt feindseligen Elementen der Bevölkerung, die sich in Polen vorzugsweise in den Städten manifestiren, ein Gegengewicht zu schassen und ihr Widerstreben hierdurch zu paralhsiren". — Mitau und Libau sind im Gutachten dem Sinne nach identisch, nur läßt sich Libau in seiner Animosität Hinreißen, in Sprache und Form gehässiger zu erscheinen und seine Erbitterung über die Frage einer Gleichstellung der Juden offener zur Schau zu tragen, liebäugelt mit der Religion der Liebe, und im Widerspruche damit sündigt es gegen Tausende von Menschenkindern im Gutachten. Doch macht es schließlich unbedeutende Zugeständnisse auf Communalämter aus „Billigkeitsgründen"; Mitau dagegen ist s p e - culativer, indem es durch die neu vorgeschlazenen Gesetze den Austrag voraussichtlich auf längere Zeit zu verzögern sucht, und consequenter, indem es gar keine Zugeständnisse macht, sondern eine neue Generation nach seiner Schablone erzielen will und daher zum Schluß sagt: „Und wenn dann die Staatsregierung die bisher verschlossenen Pforten der russischen Provinzen den Juden öffnet, damit die hier zusammengehäuften, sich einander bedrückenden Massen einen natürlichen Abfluß finden, wird es an der Zeit sein, die Frage über die Erweiterung ihrer politischen Rechte zu erörtern, an die sie dann mit bescheideneren Ansprüchen hervortreten möchten als gegenwärtig, wo sie in der That zu glauben scheinen, daß sie sich der Verwirklichung ihrer messianischen Hoffnungen, Prophetien des alten Bure es, die ihnen die Herrschaft der Welt verkünden, nahen. — Hoffen wir, daß die erleuchtete Staatsregierung auf der betretenen Bahn in Beziehung der Juden human und lichtvoll fortschreiten wird; ihr klares Auge wird gehässige Gutachten der Judenfrage als grundlos und in die segenbringende Neuzeit nicht hineinpassend erachten, die durch ihre Geschichte und Urkunden sprechende Begründung der Rechte von 1700 huldvoll wieder verleihen. Tausende dieser Confession in Kurland senden im Geiste ihr Gebet zu den Stufen des Thrones, sprechend: Gerechter, weiser und erhabener Landesvater! Auch wir sind Deine Kinder, auch wir sind Dir bis zum letzten Blutstropfen treu ergeben, unsere Brüder und Kinder kämpfen in den Reihen Deiner Getreuen fürs Vaterland, wir tragen die schwersten Staatskosten mit Freuden; laß uns nicht allein trauern unter Millionen Deiner jubelersüllten Völker! — Wir leiden weit schwerer unserer Religion wegen, als Deine treuen Diener, durch unsere Feinde beirrt, Dir zu sagen im Stande sind. Durch Dein großes Wort, das viele Millionen von den Fesseln der Leibeigenschaft befreit, sende auch uns in der Nacht unseres gedrückten Lebens Rettung, damit auch wir die Morgenrcthe Deiner glorreichen, erwärmenden Sonne schauen! Alle civilisirten Völker Europas preisen und segnen Deinen großen Namen für jetzt und immer! — Nachbemerkung der Redaktion. Das Gutachten des Gemeinderathes von Mitau wiederholt also das abgenutzte Argument der deutschen reactionären Partei, daß alle Juden Demokraten seien, Juden an der Spitze der Demokratie ständen und für demokratische Zwecke unter sich einen Zusammenhang hätten. Mit solchen Argumenten will man den Staatsregierungen Furcht einflößen und in den antidemokratischen Parteien den Haß aufstacheln, der vielleicht in der Religion nicht 43*