Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 27 (1863)
- Issue
- Heft 43 (20.10.1863)
- Date
- 1863-10-20
- Page
- Seite 658 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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658 Die eilf Gutachten, die zusammen ein voluminöses Werk bilden, sind für den Geschichtsforscher wie zum Studium der Völkerentwickelung von unschätzbarem Werthe, verdienen in die Oeffentlichkeit zu treten und der Nachwelt durch ein besonderes Werk erhalten zu werden, um die verschiedene Anschauung und den Standpunkt, den die Städte in Kurland von der höchsten Toleranz bis zum gröbsten Egoismus einnehmen, richtig würdigen zu lernen; und man dürfte finden, wenn viele Städte in ihrer Gerechtigkeitsliebe, die alten, 47 Jahre besessenen Rechte der Juden und die Zeitströmung anerkennend, ganz oder größtentheils der Emancipation das Wort geredet, wie die Städte Hasenpoth, Jacobstadt, Friedrichstadt, Bauske u. s. w., und den öffentlichen Dank aller Menschenfreunde verdienen, daß dagegen im Jahre 1863 einige Städte in Kurland sich noch Mühe gaben, Eiscnmenger'sche Gelehrsamkeit, Pharonische Weisheit und Loyola'sche Grundsätze floriren zu machen und ihnen einen gewissen Anhang zu gewinnen. Es darf uns daher die traurige Wahrnehmung nicht wundern, daß in Städten, wo eia wesentlicher Theil der achtbaren und regsamen Bewohner und Grundeigenthümer von jeder Theilnahme am Gemeinde-Berbande ausgeschlossen ist, die gewöhnlich dadurch hervorgerufene Erscheinung eines in allen Schichten der Bevölkerung wachsenden Kastengeistes, des Mißlingens aller Societäten, Sinkens des Wohlstandes der Bürger und Hauseigenthümer aller Consessionen und aller sonstigen Nachtheile für das praktische und sociale Leben bemerkbar ist; und die Consequenz, mit welcher diese Städte die Gleichstellung der Juden bekämpfen, ist nur das Symptom jener durch Parteigeist und Einseitigkeit hervorgerufenen faulen und bedauerlichen Zustände, die dem Journal „Inland" und der rigaschen „Zeitung" zu öfteru derartigen Discussionen Veranlassung geben konnten, so daß z. B. der Artikel des Inlands No. 23 über „die bedrohte Lage des grundbesitzlichen Bürgerstandes in Mitau" eine wiederholte Auflage von 1000 Exemplaren erfuhr. — Der Weg zur Aufhebung des einzerissenen Uebels und zur Besserstellung der auf Kurland allein angewiesenen und daselbst domicilirenden 29,000 Juden ist durchaus nicht in den Gutachten der Städte Mitau, Libau und Grobin vorgezeichnet, von denen also gerechterweise strict abzufehen ist; radical heilsam wäre nur eine Ausgleichung und Annäherung aller contribuirenden Theile durch gleiche Rechte, ohne Rücksicht auf Consessionen, wie die Stadt Hasenpoth und andere es unumstößlich beleuchtet haben, was herbeizuführen jeder sich berufen fühlen sollte, um die humane Richtung der weisen Staatsregierung auch in dieser Beziehung zu unterstützen. — Sind die gegen die Juden in Kurland in großer Ausdehnung angewandten Sondergesetze schon drückend für die sittliche Würde und hemmend für die Wohlfahrt, so dürften die von Mitau neu vorgeschlagenen noch größere Calamitäten heraufbeschworen. So verlangt diese Stadt „die Erziehung einer neuen Generation in christlichen, mit Aufhebung und einzutretendem Verbot aller confessionellen jüdischen Schulen, die dadurch für eine Besserstellung reifen soll". Abgesehen davon, daß Mitau selbst gestehen muß, daß eine große Zahl Juden in Kurland achtungswerth genug sind, auch in Beziehung ihrer Bildung wenigstens dem christlichen Bürger gleichkommen; auch abgesehen davon, daß die Masse der Juden dies als einen offenen Angriff auf ihre Religion ansehen würde, stellen wir die Frage: Wo sollen die 100 Freischüler in Mitau aus der Krön- und Armenschule, die im ganzen Gouvernement die Zahl 1000 betragen mögen, untergebracht werden, hier, wo schon jetzt beide Geschlechter dieser Confefsioa von allen Schulen und Anstalten ausgeschlossen und nur auf das Gymnasium und die Kreisschule beschrankt sind, wo man mit Freiplätzen gegen sie gewiß nicht fteigebig umgehe» würde? Wo sollen die jüdischen Lehrer und Philologen placirt werden, wenn auch ihnen jeder Erwerb genommen wird? — Diese Anordnung würde wie nach dem Pharonischen System eine Generation Unwissender ohne jede Elementarbildung schaffen, die später die Zahl Ziegel, ohne ihnen Stroh zu verabreichen, werden liefern müssen, wie jetzt diese Confession alle Communal- und noch dazu eigene Gemeindelasten tragen muß, ohne daß ihr ein politisches oder Berathungsrecht zugestanden wird. Mitau glaubt seine Behauptungen durch einen Vorwurf zu motiviren, es sagt nämlich: — „Es spielen in keinem Kampfe, der um die Erlangung politischer Rechte gefochten worden, die Humanitätsideen eine größere Rolle als in dem Kampfe der Juden um den Erwerb des fteien und unbeschränkten Staatsbürgerthums. Die russische Journalistik ist von diesem Kampfe nicht ftei geblieben, zu welchem in verschiedenen Aussätzen von Perepoff, Mandelstemm, Tschaskin, Harewitz, Firkowitz, Robinowitz ausgetreten, denen bald ein großer Zuwachs zur Seite stehen wird, da auf der Universität Kiew allein 50 Juden studiren." — Ferner sagt es: — „Die Juden sind die Vorkämpfer der europäischen Demokratie und bei allen demokratischen Zuckungen der Neuzeit an der Spitze der