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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1863-10-20 · Heft 43 (20.10.1863) · p. Seite 660

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
27 (1863)
Issue
Heft 43 (20.10.1863)
Date
1863-10-20
Page
Seite 660 (sequence 4)
Language
German
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660 Nahrung genug mehr findet. Es ist immerhin merkwürdig, daß weder in Italien noch Frankreich, in England oder Holland oder irgendwo außer in Deutschland und von Deutschen den Juden die Demokratie und ein Hang zur Revolution zum Vorwurf gemacht worden, daß dies also eine rein deutsche Erfindung ist, die überall von Deutschen ins Treffen geführt wird, wenn es gilt, die Unterdrückung und Ausschließung der Juden zu erkämpfen. Nun räumen wir willig ein, daß viele Juden der demokratischen Partei uud Gesinnung angehören; wir geben auch zu, daß von der gegnerischen Seite alles Mögliche geschehen ist, um sie dieser zuzudrangen und ihr und ihrer Nachkommen Heil von ihr erwarten zu müssen. Aber nichts ist falscher und erdichteter, als die Gesammtheit der Juden als dieser einen politischen Richtung angehörig hinzustellen, und dies von allen Juden und in allen Landern zu behaupten. Und welche sind denn die Juden, welche die Führer der revolutionären Demokratie abgaben? Nicht Mazzini und Garibaldi, nicht Lamartine und Louis Blanc, nicht die englischen Chartisten und Radicalen waren Juden; und wir finden überall Juden in den entgegengesetztesten politischen Heerlagern. Und ist dies nicht eben bei allen Nationen und Volksmaffen der Fall? Ist es etwa bei den Deutschen anders? Sind nicht auch die Deutschen in Reactionäre, Conservative, Altliberale, Liberale und Demokraten gespalten? nicht die Franzosen in Bonaprrtisten, Orleanisten, Legitimisten, Republikaner :c.? nicht die Engländer in Hochtories, Tories, Wigghisten, Radicale? Warum will man es den 5 Millionen Juden vorwerfen, daß sie, wie sie mitten unter den Nationen zerstreut, an deren Kämpfen betheiligt, von deren Geschicken betroffen sind, nicht sammt und sonders der einen Partei angehören, sondern ihr Coutingent zu allen stellen? Was würden die Herren Mitauer sagen, wenn man der kaiserlichen Regierung vorstellte, die Deutschen in Kurland müßten ausgeschlossen, unberechtigt, gemaßregelt werden, weil die Majorität des preußischen Volkes Fortschrittsmänner in das AbgeordnetenharH wählt? Oder würden sie nicht meinen, die Deutschen in Mitau wären eben anders als die in Berlin, und schon in Dresden und München wären sie anders?-Das Gutachten des mitauer Stadtrathes erzeigt auch der „Allgemeinen Zeitung des Judeuthums" die Ehre der Erwähnung, bezeichnet sie als das Organ der Juden, durch welches sie ihre Ideen über die ganze europäische Welt verbreiten. Die Allg. Ztg. d. Zudenth. hat von ihrem Beginne an nur zwei Zwecke gehabt und verfolgt: die bürgerliche Gleichberechtigung der Juden erkämpfen zu helfen, und die Entwickelung des Judenthums sowie die religiös-sittliche Bildung der Juden kräftigst zu fördern. Sie hat nie Politik getrieben; sie hat sich stets von allen politischen Parteien fern gehalten und diese nur dann berührt, wenn sie die bürgerliche Gleichstellung der Juden zum Gegenstände nahmen; sie hat dabei ebenso gegen die Reaction wie gegen die rothe Demokratie Front gemacht, sobald diese beiden die Emancipationsfrage verneinten und ihre Lösung Hintertreiben wollten. Behandelt die Juden als Menschen und Bürger, entfernt das Joch der Ausnahmegesetze und Bedrückung von ihren Schultern, und die Redaction dieser Zeitung wird den Augenblick segnen und als einen höchsten Sieg feiern, wo sie auch von diesem einzigen politischen Momente Abschied nehmen kann, den sie in den Kreis ihrer Thätigkeit hineinziehen mußte. Eigenthümlich ist aber das Verfahren des mitauer Stadtrathes gegen uns, auch bei der kaiserl. Staatsregierung uns politisch verdächtigen zu wollen, nachdem zwei russische Kaiser uns anerkennende Ehrenbezeugungen wegen dieser unserer Bestrebungen erlheilt haben. Das Gutachten ist unverschämt genug, zu behaupten, daß die Juden sich fälschlich in Deutschland für Deutsche, in Frankreich für Franzosen, in Rußland für Russen ausgäben, und macht es ihnen zum Vorwurf, daß sie gewisse Ideen in ihrer Mitte festhalten und verbreiten. Die Schlachtfelder von ganz Europa strafen den mitauer Stadtrath Lügen, denn seit beinahe einem Jahrhundert schon kämpfen in allen Heeren Juden gegen Juden als Deutsche, Franzosen und Russen mit den Waffen in der Hand, und überall, wo man ihnen den Staats- und städtischen Dienst eröffnet, überall, wo man ihnen die nationale Literatur nicht abgesperrt hat, haben sie ihre patriotischen Gesinnungen durch die That erwiesen. Allerdings halten die Juden gewisse Ideen fest und verbreiten sie in ihrem Schoße — aber diese Ideen find lediglich religiöser Natur, um dereutwilleu sie existiren, deren Pflege und Ausbildung ihre Aufgabe ist. Wie? kann man ihnen das zum Vorwurf machen? Thun dies nicht alle Religionsparteien und Consessionen? Geschieht dies nicht bei den Juden gerade auf dem lediglich geistigen Wege? Haben die Juden etwa, wie doch andere Religionen, einen religiösen Mittelpunkt, ein kirchliches Oberhaupt, eine Hierarchie, deren Glieder sich in allen Landern von einem Oberhaupte abhängig fühlen und glauben? Alles dies ist nicht der Fall bei den Juden; im Gegeutheil

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