Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 27 (1863)
- Issue
- Heft 42 (13.10.1863)
- Date
- 1863-10-13
- Page
- Seite 651 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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651 bäude. Vor dem Gebäude werden wir Berge und Pfuhle gewahr, die uns mit den übelsten Gerüchen empfangen. Haben wir endlich diese mühselige Morastpartie bestanden, gelangen wir in das Borhaus dieser Anstalt; aber welche Unreinlichkeit herrscht hier, wie viel Schmutz und Unrath liegt hier aufgehäuft! Nach vielem Tappen an den Thüren erblickte ich einen Greis, dessen Aussehen den Brotmangel verrieth, den er Jahre lang ertragen. Er empfing mich mit einem Baruch habu. Mit einem Male hörte ich ein Gejodel und Geschrei, das mir so sehr in die Ohren gellte, daß ich ganz betäubt dastand. Es war gerade um die zehnte Stunde vormittags, als der Informator die unter ihm stehenden Schüler in das Lehrzimmer mit einer Peitsche, versehen mit 13 Riemen, als Symbol der 13 Glaubensartikel, trieb, welches Prügeln mit der Peitsche jenes mich betäubende Geschrei zur Folge hatte. Rußland. Warschau, im September. In Kali sch ereignete sich wahrend der jüngsten jüdischen Festtage (Neujahr) ein großes Unglück. Als die Israeliten in der Synagoge zum Gottesdienste versammelt waren, erscholl plötzlich der Ruf: „Die Polen kommen". Es entstand ein großes Gedränge zum Ausgange, wobei vier Frauen und zwei Kinder erdrückt wurden und viele andere Israeliten bedeutende Quetschungen erlitten. — Die „Ostd. Post" meldet: Bekanntlich hat der Ober-Rabbiner Meisels in Warschau den Besuch des Tempels am Bersöhnungstaze, um jeder Art von Demonstrationen vorzubeugen, untersagt. Eine uns heute zukommende Nachricht meldet nun die neuerliche Verhaftung des Ober-Rabbiners Meisels. Nach warschauer Berichten der Ostd. Ztg. drangen am Bersöhnungsfeste Kosaken in die Synagoge auf der Wierzbowastraße und warfen die Beter hinaus, zerstörten die Heiligthümer und nahmen zahlreiche Verhaftungen vor. Großbritannien. London, im September. Das „Jett-. Cliron.“ theilt folgenden Schmerzensschrei deS Missionsblattes .Jewish Intelligence über die jüdische Presse Deutschlands mit, der uns zu schmeichelhaft ist, um ihn unseren Lesern vorzuenthalten: „Ein Hinderniß war es vorzüglich, mit der die Mission, besonders in den letzten Jahren, zu kämpfen hatte, nämlich die jüdische Presse. Die ungegründetsten und falschesten Nachrichten wurden von Zeit zu Zeit in die Welt geschickt, mit einer Genauigkeit in den Einzelheiten, die ihren Erzählungen einen Anschein von Wahrheit gaben, und dies schloß den Missionären manche Thür. Die Zahl der jüdischen Zeitschriften ist jetzt ungefähr dreißig und sie werden in allen Ländern und Sprachen veröffentlicht. Bisweilen greifen sie das Christenthum direct, öfter noch aber indirect und deshalb nur um so verderblicher an. Sie erzählen die ungegründetsten und lächerlichsten Geschichten über die Mission und lassen nie eine Gelegenheit vorübergehen, sie anzugreifen oder gegen einen Missionär zu sprechen. Vor allem aber sind sie daraus bedacht, die Juden vor christlichen Schulen, besonders solchen, die mit der Mission Zusammenhängen, zu warnen, denn diese sind ihnen trotz allem ein Dorn im Auge. Nach den Zeitschriften sind es besonders die jährlichen Kalender, die unendlich angewachsen sind. Sie enthalten Abhandlungen, so populär wie möglich geschrieben, gewöhnlich gegen die christliche Religion, oder Auszüge und Wiederabdrücke aus alten polemischen Werken von der bittersten Art, die sie früher nicht hätten veröffentlichen dürfen." Daß die Mission die Wirksamkeit der jüdischen Presse verspürt, kann nur für die letztere Zeugniß geben; daß jene darüber verdrießlich ist, erscheint nur natürlich. Allerdings sollte man voraussetzen, daß die Missionäre da die Abwehr für gerechtfertigt befänden, wo doch der Angriff von ihnen ausgeht, denn ihr ausgesprochener Zweck ist ja selbstverständlich nur Angriff auf das Judenlhum. Dabei sollten sie berücksichtigen, daß die jüdische Presse bei ihrer Vertheidigung immer nur auf ihrem eigenen Kampfplatze verbleibt, auf dem jüdischen Gebiete, während die Missionare auf unser Gebiet herüberkommen. Allein dem Geschädigten, und als solchen bekennt sich die Mission, ist es einmal nicht gegeben, anders als durch eine falsche Brille zu sehen. Dagegen verwahren wir uns aber im Namen der jüdischen Presse, daß diese Unwahrheiten über die Mission auftische und eine bittere Polemik führe. Dies ist lediglich Unwahrheit und verbitterte Verdächtigung. Was insonders die deutsche jüdische Presse betrifft, so könnte man ihr eher vorwerfen, daß sie viel zu selten auf die Mission und die Missionäre eingeht und sie viel zu viel ignorirt. Allein da sie sich einmal zu sehr von der Unschädlichkeit der 42**