Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 27 (1863)
- Issue
- Heft 42 (13.10.1863)
- Date
- 1863-10-13
- Page
- Seite 649 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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649 künden, welche über die Gründung des Gebäudes sich nach diesem ereignisreichen Saeeulum bis auf unsere Tage erhalten haben; sie werden jedoch ergänzt durch die Überlieferungen, welche sich im Munde der Enkel der Augenzeugen bewahrt haben. Diese Berichte geben auch hier wie überall das rühmlichste Zeugniß von der Ausdauer unserer Borfahren und ihrer Opferfähigkeit in allen Beziehungen, in denen es sich um Israels heiligstes Gut, um die Pflege seiner Religion handelt. Inmitten der Störungen des siebenjährigen Krieges, von dem Mecklenburg hart mitgenommen worden ist, umgeben von einer nicht besonders duldsamen Bevölkerung und unter dem Schutz einer über religiöse Ansichten nicht aufgeklärten Regierung *) — man denke an die Zeit, in welcher eine Maria Theresia ihre Judenverordnungen erlassen konnte — brachten fünfzig Familien unter außerordentlichen Opfern und unsäglichen Bemühungen, wie solche schon zur Bekämpfung der Hindernisse gegen die Gewährung der „Eoncession zum Bau" erforderlich waren, ein Gebäude zu Stande, das auch heute als würdig und geschmackvoll bezeichnet werden muß. Dieses bestand unverändert bis zum Jahre 1847, wo es erst eines umfassenden Ausbaues bedurfte, bei welchem die Räumlichkeiten jetzt zweckmäßiger hergestellt, der Almemor mit dem Gebetpulte vereinigt , vor allem eine Einrichtung für eine Orgel **) getroffen wurde. Die Einweihung der so restaurirten Synagoge wurde dem jüngst verstorbenen berühmten Prediger vr. Salomon übergeben, welcher zugleich den Gottesdienst seiner Hamburger Gemeinde einführte. Die Wirkung dieser Berbesserung, die für den jüngern Theil der hiesigen Gemeinde ein tief empfundenes Bedürfniß war, äußerte sich übrigens für den Besuch des Hauses scheinbar nicht günstig. Denn wenn auch einige Aeltere, welche sich anfangs der neuen Ordnung schmollend zurückgezogen hatten, bald damit aussehnten, *) Erst in den vierziger Jahren d. Jahrh. wurde bei uns das Schutzverhältniß als solches aufgehoben, die Abgaben dafür als sog. „Recognitionsgeld" aus Gnade den Gemeindekassen zugewiesen, dagegen aber zugleich ein bedeutender Beitrag, welcher der hier früher bestehenden jüdischen Schule aus großherzogl. Kasse geleistet worden war, entzogen. **) Die Hamburger Tempelgemeinde, die selbst ein größeres Werk anschaffte, schenkte der hiesigen, mit rühmlicher Munisicenz, aus freien Stücken ihre frühere Orgel. so zerfiel bei der nun folgenden Rabbinerwahl die Gemeinde in zwei sich schroff gegenüberstehende Parteien, die sich zum größten Mißgeschick in fast eine, dem gewählten Rabbiner feindliche, verwandelten. Die Folge war, daß außer den für die Religion Gleichgültigeren, deren es hier wie überall giebt, sich auch andere, die sich sonst gern dem gemeinschaftlichen Gottesdienste anschlossen, desselben fast entwöhnten, so daß das Gotteshaus außer an den höchsten Festtagen fast leer stand. Erft dem versöhnlichen Auftreten und der gedeihlichen Wirksamkeit unseres jetzigen Rabbiners ist es gelungen, die Folgen dieser allgemeinen Mißstimmung fast vollständig zu verlöschen, und — darüber herrscht nur eine Stimme — er hat es verstanden, den religiösen Sinn, der in Israel schlummert, hier aufs neue zu beleben, wodurch eine so unverhofft allgemeine Theilnahme an der Feier hcrvorgerufen wurde, zu deren Beschreibung wir übergehen wollen. Die Tage vor dem 5. Septbr. wurden besonders von den Frauen und Jungfrauen aus eigenem Antriebe dazu verwandt, das Aeußere und Innere der Synagoge reichlich mit Blumen und Kränzen zu schmücken, so daß bereits am 4., einem Freitage, beim Abendgottesdienste das Haus sich im festlichsten Glanze bei feierlicher Beleuchtung darstellte und einen erhebenden Eindruck auf die zahlreichen Besucher hervorbrachte. Zu dem Feste selbst am .7. waren Einladungen an sämmtliche Gemeinden des Landes und an die Behörden der hiesigen Stadt ergangen, welche letztern besonders ihre Theilnahme durch zahlreiches Erscheinen im Jubelgebäude bethätigtcn. Zu seiner Festrede hatte unser Landesrabbiner, Herr I)r. Hamburger, als Text Spr. Salomonis 4, 18. gewählt: „Der Pfad des Gerechten ist wie das Licht des Mondes; es leuchtet und leuchtet, bis der Tag gewiß ist". In der Einleitung setzte er in klarer, wohlbedachter Rede auseinander, wie das Menschengeschlecht, an dessen Aufgabe uns Israeliten ein hochwichtiger Antheil zugefallen ist, immerfort, ungeachtet der verschiedensten, sich scheinbar widerstrebenben Interessen und Tagesfragen, nach Vervollkommnung strebe, und wie aus jeder Epoche eine Wahrheit als oft schwer erkämpftes, aber unveräußerliches Gut der Nachwelt anvertraut werde. Daran knüpfte er den besondern Beruf der Israeliten, den er darin fand, daß derselbe vorzugsweise in der Nacht finsterer Jahrhunderte, als Wahrzeichen der Vorsehung, die unbestreitbaren Wahrheiten der Religion dem Menschenzeschlechte un- 42