Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 27 (1863)
- Issue
- Heft 42 (13.10.1863)
- Date
- 1863-10-13
- Page
- Seite 648 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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648 alle Vorsichtsmaßregeln waren umsonst, an Belohnung und Bestrafung wäre nicht zu denken. Nein! der Mensch ist frei bei seinem Thun, und nur jene natürlichen Anlagen geben ihm eine Ricbtung. Bis hierher geht Maimonides mit Aristoteles Hand in Hand, nur daß letzterer bei weitem tiefer in die Sache eindringt und eine genaue Untersuchung über die Seelenkrafte, die zur freien Wahl des Menschen beitragen, anstellt*). Nun aber geht Maimonides zu der göttlichen Bestimmung über und kommt auf die bekannte verwickelte Frage, wie sich die Freiheit des Menschen zu der Vorausbestimmung durch Gott verhalte: eine Frage, von der, wie wir schon oben bemerkt, Aristoteles nichts wußte. Denn selbst in ihrer Mythologie hatten die Griechen vom Fato eine nicht zuverlässige Vorstellung und die verschiedenen Göttergewalten durchkreuzten sich hierbei ungemein. Den ganzen übrigen Theil dieses größten Abschnittes widmet Maimonides der Lösung dieser Frage, die wir anderwärts noch einmal behandelt sehen werden. Wir können es ihm, der darüber öfters sogar getadelt worden nur als Verdienst anrechnen, daß er diese Frage mit so vieler Sorgfalt behandelte. Denn auch dem Schreiber dieses scheint sie in jeder philosophischen und raisonnirenden Theologie die wichtigste, die Basis des ganzen Verhältniffes zwischen Mensch und Gott. — Zuvörderst zeigt Maimonides, daß nur die Naturereigniffe vom Himmel beschlossen seien, und dies zwar vom Anbeginn der Schöpfung her durch den erstenWillen Gottes, daß die Natur ihren Gang und ihre Gesetze fest behalte» solle. In Hinsicht der moralischen Handlungen sei der Mensch seiner eigenen Wahl überlassen, insofern das Vorauswissen Gottes nicht als eine Vorausbestimmung angesehen werden kann. Das Wissen Gottes nämlich fei von ihm selbst nicht getrennt, das Wissen Gottes nicht denkbar ohne Gott; wahrend man sich den Menschen ohne sein Wissen, und sein Wissen ohne den Menschen denken kann. Darum sei denn auch das Wissen Gottes unbegreifbar, weil, wenn wir dieses begriffen hätten, wir ihn selbst, also die Vollkommenheit selbst begriffen hatten, d. h. wir selbst vollkommen geworden wären. *) Lücornacli. Elh. L. III. c. 1—5. Magn. moral. L. 1. c. 11—17. Eiulem. L. II, c. 6—11. Er leugnet jede Naturgewalt iJnstinct), die auf den andern Geschöpfen lastet, und laßt die Handlungen aus oye'^ig Begierde und jtQoatQtcig überlegter Wahl entstehen, die oge'&g sei wieder dreifach: ijitd-vf.ua Lust, dvfiog Gemüthsbewegung und ßovlrtoig Wille. So hatte Maimonides in diesem Werke eine Einleitung in fein theologisch-philosophisches System gegeben und vorläufig die wichtigsten Fragen über die moralisch e n Vollkommenheiten beseitiget. Wir sahen ihn hierbei ganz, im Allgemeinen wie im Einzelnen, den Grundansichten des Aristoteles folgen, nur da weiter gehend, wo die Frage sich auf das Gebiet der Gotteslehre wandte. Und dennoch zieht sich auch hier eine aristotelische, aber mit der Offenbarung übereinstimmende Ansicht, wie ein rother Faden, durch: daß wir nicht im Stande sind, Gottes Wesen ganz zu begreifen, wegen unserer Unvollkommenheit und seiner Vollkommenheit; sowenig wie wir aber dem Sonnenlicht seinen Glanz absprechen können, weil wir von ihm geblendet werden, verliert Gott dadurch sein vollkommenes Wesen. Dies beinah ganz Worte des Aristoteles in seiner Metaphysik.— Zeitungsnachrichten. Deutschland. Frankfurt a/M., 30. September. (Privatmitth.) Der hiesigen israel. Gemeinde hat der vor einigen Tagen kinderlos verstorbene Herr Julius Flersheim sein ganzes Vermögen von circa 200,000 fl. zur Errichtung eines Waisenhauses testamentarisch vermacht. Auch ein Bruder desselben sowie sein langjähriger Hausfteund haben ihr nicht minder bedeutendes Vermögen zu demselben Zwecke testirt, das aber erst nach dem Ableben ihrer Frauen dem projectirten Waisenhause heimfällt. Eine solche Anstalt ist die einzige, die unserer Gemeinde noch fehlte, und die Testanten haben sich somit ein unsterbliches Verdienst um unsere Gemeinden und die Humanität erworben.' Braunschweig, 25. September. (Privatmitth.) Heute wurde der hiesige Vorsteher und Stadtverordnete Herr Banquier Jtzig Jüdel von den Höchstbesteuerten einstimmig abermals zum Landtagsabgeordneten gewählt. I. C... Strelitz (Mecklenb.), im September. (Privatmitth.) Am 5. d. Mts. feierte die hiesige Gemeinde das erhebende Fest des hundertjährigen Bestandes ihres Gotteshauses. Gering und nicht bedeutend waren die Ur-