Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 27 (1863)
- Issue
- Heft 42 (13.10.1863)
- Date
- 1863-10-13
- Page
- Seite 644 (sequence 4)
- Language
- German
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644 gewesen wäre, damit aber auch die christliche Lehre selbst zusammenfiele. Das Christenthum ruft also dem sündhaften Menschen, der zu Gott zurückkehren und besten Vergebung erlangen will, zu: Verschaffe dir den Glauben an diese Erlösungslehre, und du wirst nicht allein von der Sünde, sondern auch von ihrer Strafe *) befreit; solange du aber diesen Glauben nicht erlangt hast, solange er nicht in dir „fest und unerschütterlich" ist, bist du „gerichtet und verdammt"; mit ihm wirst du selig, ohne ihn bleibst du von der Seligkeit ausgeschlosten. Also spricht das Christeuthum nicht blos zu dem in ihm geborenen und erzogenen Menschen, sondern zu allen Menschen. Wie aber, wenn der nach Gott verlangende Mensch zu diesem Glauben nicht kommt, nicht kommen kann, weil fein ganzes geistiges Wesen, die ganze Entwickelung seiner Geisteskräfte, alles, was er für wahr und recht halt, auS seiner innersten Natur heraus und aus der heiligen Schrift Israels für wahr und recht erkannt hat, sich dagegen sträubt? . . . Das Christenthum hat hierauf keine Antwort, hierfür keine Tröstung. Allerdings hat die protestantische Kirche die Uebelstande, die mit diesem strengen Dogmatismus verbunden sind, wohl gefühlt; man weiß, wie der Rationalismus damit umgesprungen ist und ihn zu einer Scheinlehre umgewandelt hat. Allein er hat sich damit von seiner ganzen Basis, vom Neuen Testamente selbst völlig entfernt und wird daher immer wieder aus der Kirche herausgewiesen. Dennoch finden wir selbst bei strenggläubigen Protestauten eine Abschwächung der Glaubenslehre, wie denn der von uns angeführte Lohmann S. 25 in der Behandlung der Dreieinigkeitslehre schließlich sagt: „Es wird diese Lehre ein Mysterium bleiben. Die Hauptsache bleibt, daß wir den wesentlich praktischen Inhalt dieser Lehre gläubig in uns aufnehmen, daß wir an Gott nicht blos als Schöpfer, sondern auch als Erlöser und Heiligmacher glauben" u. s. f. Freilich müßten wir dann fragen, was dem Christenthume gegenüber dem Judenthume dann noch übrig bliebe; denn daß Gott nicht blos Schöpfer, sondern auch Erlöser (btns) und Heiligmacher (ODsnpn 'n „ich bin der Ewige, der euch heilig macht") ist, wird in unserer heiligen Schrift an tausend Stellen gesagt und in den jüdischen Gebeten täglich *) „Christus hat uns nicht blos von der Sündenschuld, sondern auch von den Strafen der Sünde befreit". Dubelmann. S. 83. zwanzigmal wiederholt — aber gehen wir einen Augenblick, sowenig wir vom Christenthume hierzu berechtigt werden, darauf ein und fragen wir: Was findet der reuige Mensch im Christenthume, wenn er es nur von der praktisch-ethischen Seite in Betracht zieht? Wir verweisen auf das, was wir von der idealen Seite des Christenthums in einem früheren Artikel gesagt. Es werden ihm da die Forderungen gestellt: sich des ganzen menschlichen Lebens zu entäußero, alle bürgerlichen Werthe aufzugeben, sich über alle Bande, die ihn auf Erden an andere Wesen knüpfen, hiuwegzuheben, sich ganz allein in seine Individualität zurückzuziehen und diese auf eine überirdische Höhe hinaufzuwindeu; und Handlungen als Gebote hingestellt, welche der Natur des Menschen widersprechen, die Grenzlinien zwischen Recht und Unrecht verwischen und an die Stelle der geistigen Entwickelung und Kraft eine sentimentale Idealität setzen, die dicht an krankhafte Schwärmerei grenzt. Wird er im Stande sein, diesem allen zu genügen? wird sich nicht das Bewußtsein der Unzulänglichkeit seiner Seele bemächtigen? wird er nicht in jedem seiner Schritte im Leben einen Rückfall, mit welchem er sich dem Heiligen und Göttlichen wieder entzieht, erblicken müssen? Ja, mit je größerer Aufrichtigkeit und Anstrengung er auf dem Wege, der ihm hier vorgezeichnet wird, fortstrebt und weiter gelaugt, wird sein Gewissen, feine sittliche Empfindlichkeit immer zarter, reizbarer, gegen sich selbst schärfer und bitterer werden — bis er gänzlich verzweifelt.- Wir fügen dieser Nebeneinanderstellung nichts weiter hinzu und können nur aus unserm eigenen Bewußtsein heraus dem Judenthume danken, daß es an seinem alten Bekenntnißworte treu hängen geblieben und daß es noch heute mit dem Psalmisten ausruft (34, 15. 16.): „Weiche vom Bösen und thue Gutes, suche den Frieden und jage ihm nach: die Augen des Ewigen sind den Gerechten zugewendet und seine Ohren ihrem Flehen"; und (57, 27. 28.): „Weiche vom Bösen und thue Gutes, dann wohnst du in Ewigkeit; denn der Ewige liebt das Recht und verläßt nicht seine Frommen; sie werden bewahrt in Ewigkeit." (Fortsetzung folgt.)