Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 27 (1863)
- Issue
- Heft 41 (6.10.1863)
- Date
- 1863-10-06
- Page
- Seite 631 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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631 Verachtung das andere Extrem, die Mitte die Ehrliebe*); Jähzorn das eine, Unempfindlichkeit das andere Extrem, die Mitte Langmuth **) u. s. f. — Sowie in diesem Hauptgrundsatz, folgt dann unser Maimonides dem Griechen auch in der Ausführung des Einzelnen. Daß der Mensch nur durch lange Uebung und Erziehung, von zartester Jugend an, zu dieser Mitte, d. i. zn der Tugend komme, zeigt er wie Aristoteles, der hier den Spruch Plato's anführt: „man müsse von Kindheit an angeführt werden, sich nur dessen zu freuen und zu beklagen, was man muß" ***). Wenn nun die Seele moralisch krank geworden und sich dem einen Extrem ergeben hat, so kann man sie nur dadurch heilen, daß man sie geradezu zum andern Extreme bringt, als den Geizigen zur Verschwendung, um dann die rechte Mitte, das Gleichgewicht, herauszubringen. Dieser Lehrsatz des Maimonides ist völlig der des Aristoteles-f) und gründet sich auf die medicinische Ansicht des lctztern, daß die Gesundheit, welche die Mitte ist, dadurch bewirkt wird, daß man den Kranken erst in die seinem Uebel gerade entgegengesetzte Krankheit führe, wodurch das Gleichgewicht hergestellt werde-f-f). Daß dies die Grundansicht des Maimonides in der Arzneikunde nicht weniger war, zeigt z. B. das hier von ihm angeführte Beispiel eines Fieberhitzigen, den man nicht blos mit das Blut beruhigenden Mitteln behandeln soll-j-f-f). — Es ist dies gewiß eine interessante pädagogische Frage, eines gründlichen Versuches wohl würdig, inwiefern diese vom Aristoteles und Maimonides, zwei so gewichtigen Männern, empfohlene Behandlungsweise sich praktisch bewahrheiten würde. — Wahrhafte Bewunderung erregt aber Maimonides, in Betracht seines Zeitalters, indem er über die rechte Bedeutung religiöser Handlungen spricht und zu einer Zeit, wo eine finstere Ascetik sich über die ganze Welt gelagert hatte, vorurtheilslos alle diese Kasteiungen und Selbstpeinigungen von sich weist. Er erweist in dieser Beziehung hinlänglich, daß die Verbote *) IV. 4. **) IV. 5. ***) II. 3: dto Set rtyd-ai rccog tvfrvg Ix vhov, log 6 ÜXutcov (fr^aiv, tog re yuiQtiv re y.a'i olg dti. f) II- 9. tt) Ich habe dies aus mehreren, noch übrig gebliebenen medicinischen Stellen, z. B. Probl. S. I. j>r. 2. erwiesen: Podalirius, Heft I, Seite 128. fit) vbna imfio-cr sb® m®n zzizTzr, nr: der Speisen, der gesetzwidrigen Ehen, die Beschränkung des ehelichen Umganges, die Gesetze der Zehenten, der Armentheile der Ernte u. s. f. nur verordnet sind, um die Natur des Menschen, die eher zum Extreme der Leidenschaft als zu dem der Gefühllosigkeit sich hinneigt, noch etwas über die bloße Mitte, die Enthaltsamkeit, hinauszuführen, daß es aber deshalb, um dies noch mehr zu bewirken, keiner Zusatzgesetze bedarf, sondern daß diese eher schädlich wären. Im fünfren Abschnitte handelt Maimonides von dem Ziele des Menschen, von dem Zwecke des menschlichen Daseins, auf den er alle Anstrengungen seiner Geisteskräfte zu verwenden habe. Hier mußte natürlich der mosaische Philosoph vom Griechen völlig abweichen und sich der Unterschied kund thun, der zwischen Offenbarung und osfenbarungsloser Philosophie immer bestehen muß. Maimonides erkennt als das Ziel des Menschen an: das Wesen der Gottheit so viel als möglich zu begreifen, und findet dies auf die kürzeste und erhabenste Weise ausgedrückt in dem Spruche unserer Weisen: „Alle deine Handlungen verrichte im Namen des Himmels" *). — Alle griechischen Philosophen stimmten darin überein, daß es ein h ö ch st e s G u t gebe, die Glückseligkeit iivSuiuovi'a), welches der Mensch durch das ganze Leben hindurch erstrebe. Welches aber dieses höchste Gut sei, worin diese wahre Glückseligkeit bestehe, darin weichen sie himmelweit voneinander ab. Während Epikurus und vor ihm Aristipp nur das Bergnugen als höchstes Gut wähnten, während die Cyniker dieses nur in der größtmöglichen Entbehrung aller Bedürfnisse, die Stoiker in vollständiger Ruhe des Geistes fanden: bestimmte Aristoteles, daß die wahre Glückseligkeit nur in der Tugend bestehe **). Soweit also ein Denker, dem menschlichen Geiste und seiner Natur allein nachgehend, kommen konnte, kam der große Stagirit. Aber nachdem durch die Offenbarung das enge Verhältniß zwischen dem Menschen und Gott sich kund gethan, mußte die immer noch einer wirklichen Basis ermangelnde Tugend sich als ein Bestimmteres setzen und die Gotteserkenntniß als Grundlage annehmen. Nun erst erhob sich der Mensch über sich selbst und über seine irdische Natur; nun war es nicht mehr die unvollkommene menschliche Tugend, sondern die Tugend Gottes, *) a-'c® a®b rrr t®?® **) S. das ganze erste Buch der Nikom. Ethik. Uoral. M80N2 L. I. c. 4. Eudem. II. c. 1.