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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1863-10-06 · Heft 41 (6.10.1863) · p. Seite 626

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
27 (1863)
Issue
Heft 41 (6.10.1863)
Date
1863-10-06
Page
Seite 626 (sequence 2)
Language
German
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626 wahre Quelle der menschlichen Pflichten, und die eigentlichen Motive zu deren Erfüllung liegen ihm wiederum in Gott. Dies ist selbst äußerlich der Fall, indem vielen Geboten das Wort 'n „ich bin der Ewige" hinzugefügt wird. Anders ist eS im Christenthnme. Hier, wo die Glaubenslehre eine Reihe von Dogmen aufstellt, die, ohne auf Erkeuntniß und Verständniß stch zu stützen, für sich ein abgeschloffenes Ganzes bilden und die das Glauben zu ihrer Grundlage haben, ergiebt sich auch kein wirklicher und innerlicher Zusammenhang mit der Sittenlehre, welche hingegen einen für sich selbständigen Theil der Religiouslehre bildet. Es ist daher durchaus unrichtig, wenn man so oft behauptete, daß die jüdische und christliche Sittenlehre dieselbe seien. Allerdings werden, praktisch genommen, sie dieselben Resultate haben und beider Vorschriften auf ei» gerechtes, liebevolles, barmherziges und friedliches Handeln hinauslaufen, und dies bewog wohl auch, sie für gleichartig anzusehen; in der Grundlage und Ausführung aber sind sie äußerst verschieden. Die Zehn-Worte treten von ihrer Verkündigung an als die Grundsätze der mosaischen Religion aus; als solche werden sie von Gott selbst dem Volke verkündet, als solche in zwei steinerne Tafeln gegraben und in der heiligen Lade aufbewahrt, und wenn sie in den beiden Recensioneu, in welchen wir sie im zweiten und fünften Buch Mosis besitzen, einige kleine Verschiedenheiten zeigen, so sind diese doch von keiner wesentlichen Bedeutung und rühren auch daher, weil sie im zweiten Buche ausgesprochen, im fünften Buche erzählungsweise wiederholt werden. Anders verhält es sich mit der Bergpredigt im Evang. des Matthäus und des Lucas, welche in Ausdruck und Folge die größten Verschiedenheiten darbieteu; im letzteren erscheint sie sogar als „Feldpredigt", auf einer Ebene gehalten. Ganz in der Grundidee des Mosaismus umfassen nun die Zehn-Worte in ihrem Lapidarstile alle Bezüge des Menschen in ihrem inneren Zusammenhänge, in ihrer natürlichen Auseinanderfolge. Obenan die Erkeuntniß des wahren Gottes, alsdann die Anbetung des einzigen Gottes im Geiste, ohne Bilder und Symbole, hierauf die Heilighaltung Gottes innerhalb der Menschenwelt und die Heiligung des Menschen in Gott; die Verehrung der Eltern, die Heiligkeit des Lebens, der Ehe und des Eigenthums schließen sich daran; die Wahrhaftigkeit und die Unterdrückung aller bösen Begierden machen den Schluß. So sind hier Gott, Gesellschaft und Persönlichkeit des Meuscheu miteinander unlöslich verbunden und das Verhältniß des Menschen zu Gott, zur Menschenwelt und zu sich selbst in großen Zügen charakterisirt und ausgefüllt. Die Erkenntniß und Anbetung Gottes und die Heiligung des Menschen in Gott können in ihnen voneinander nicht geschieden werden, aber ebensowenig von ihnen das Leben des Menschen in der Gesellschaft und in sich selbst. Der prägnante und kurze Ausdruck machte nun diese Zehn- Worte fähig, zugleich als bestimmt formulirte Gesetze zu gelten und die Grundlage alles religiös-sittlichen Lebens zu werden. In ihrer Tiefe enthalten sie die höchste Verständigkeit und die Beftiedigung des ganzen Herzens und sind dabei so einfach und klar, daß über sie und ihre Bedeutung auch dem einfältigsten und ungebildetsten Geiste Zweifel nicht möglich sind. Werfen wir nun einen Blick auf die Bergpredigt, so beginnt sie damit, „Seligkeit" und das „Himmelreich" zu verheißen Leu Armen im Geiste, Len Trauernden, den Sanstmüthigen, den nach Gerechtigkeit Hungernden, den Barmherzigen, den Reinen, den Friedfertigen, sowie denen, die um der Gerechtigkeit und um des Redners willen verfolgt und geschmäht werden. So bei Matthäus. Bei Lucas aber werden die Armen, die Hungernden und Weinenden selig gesprochen, sowie die um Jesu willen gehaßt und verfolgt werden, und wird Wehe gerufen über die Reichen, die Gesättigten und Lachenden, sowie über die, welchen die Menschen Gutes nachsagen. Es versteht sich, daß hiermit die Tugenden der Sanftmuth, Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Friedfertigkeit gelobt und nachdrücklich empfohlen werden. Aber sowie die Sätze hingestellt sind, erkennt man, daß sie eben nur bestimmt sind, niedergebeugten und leidenden Menschen ein Trostspruch zu sein, des allgemeinen Charakters und Werthes aber entbehren. Denn in der That sind weder die Reichen lediglich Träger aller Laster und Unsittlichkeit, »och die Armen die Inhaber aller Tugenden und sittlichen Vorzüge; nicht die sind ihres Glückes stets unwürdig, die sich deffen freuen, wie auch die Trauernden oft genug noch dessen ermangeln, was sie zur „Seligkeit" und zum „Himmelreiche" befähigt. — Im zweiten Absatz (5, 17 —20.) verkündet der Redner, daß er nicht gekommen, das Gesetz aufzuheben, von dem kein Buchstabe oder Strichelchen vergehen werde. Es ist nun hier noch nicht der Ort, die Widersprüche hervorzuheben, in die er später hiermit gekommen; aber darauf müssen wir doch Hinweisen, daß das Gesetz sagt: Verkürze es nicht und füge nichts hinzu — die folgenden Sentenzen der Bergpredigt

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