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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1863-09-22 · Heft 39 (22.9.1863) · p. Seite 602

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
27 (1863)
Issue
Heft 39 (22.9.1863)
Date
1863-09-22
Page
Seite 602 (sequence 10)
Language
German
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602 man, kann der Israelit, welcher dreimal täglich für die Rückkehr in sein eignes Vaterland betet, auch warmes Mitgefühl für sein fremdes Vaterland haben? Wir find weit entfernt, diese drei Urtheile als unrichtig an und für sich bekämpfen zu wollen. Zumal was das letztere betrifft, so wird man eS einer bis vor kurzer Zeit blos geduldeten Nation, welche keinen öffentlichen Antheil an dem Wohle und Gedeihen des Geburtslandes nehmen durfre, nicht verdenken, wenn sie ihrem allen Menschen angebornen Drange, ein Vaterland zu haben, dem man in Treue dienen und sich opfern kann, in den alten angestammten Gebeten Worte in andächtiger Hingebung verliehen. Und es braucht wohl nicht erst hinzugesügt zu werden, daß die Innigkeit für das ideale Vaterland in demselben Grade erschlaffen wird, als man durch eine gleichberechtigte Stellung im eignen Staate die letzten Typen der fremden Nationalität zu verwischen bemüht sein wird. Allein es handelt sich im vorliegenden Falle nicht um das nationale Princip, sondern um eine dem israelitischen Volke, wie es scheint, angeborne Abneigung gegen das revolutionäre Element überhaupt und um die Hochhalrung des legitimen. In der leidensreichen Geschichte dieses Volkes, im Mittelalter nämlich, war es immer die Volksherrschaft, welche chren Groll gegen dasselbe am zügellosesten walten ließ, und den einzigen Schutz gegen solche rohe Wuthausbrüche gewährten dann monarchische Staaten, wenn sie das schützende Dach sich auch mit Gold bezahlen ließen. Das jüdische Volk gewöhnte sich so in Jahrtausenden daran, den politischen Wechselfällen im Staatsleben beider Welten parteilos zuzusehen, wenn das Princip nur monarchisch blieb und die Sicherheits-Urkunde vom neuen Herrscher bestätigt wurde. Es war übrigens nur vorsichtig und klug, wenn das geduldete Volk sich bei Parteikämpfen nie zu Sympathien oder Antipathien hinreißen ließ; und wenn diese Apathie auch auf beiden Seiten im ersten Augenblicke einer ungerechten Beurtheilung unterlag, so ließ es doch das besonnene Urtheil damals nie an einer richtigen Würdigung dieser neutralen Stellung fehlen. Dieses Festhalten an dem Princip der Legitimität ist in der Gegenwart besonders merkwürdig, wenn man bedenkt, daß die bürgerliche und staatliche Emancipation der Israeliten fast überall ein Product der Revolution ist. Boten doch die Niederlande, im Abfalle von Spanien begriffen, den von dort 1492 vertriebenen Sopherdim die ersten gastlichen Heimathsrechte; war es doch während der zeitweiligen Inhibition der Monarchie unter dem Protectorat Cromwell's 1655, daß nach Verlauf von 500 Jahren den Israeliten England wieder eröffnet wurde; und war es doch einer der ersten und wichtigsten Beschlüsse der legislativen Versammlung 1791, den Israeliten Frankreichs völlige Gleichstellung zu gewähren. So sehen wir aber auch in der neuern Geschichte die religiöse Toleranz Hand in Hand mit großen staatlichen Ereignissen gehen, Veranlassung genug also, die Israeliten für abnorme Zustände geneigt zu machen. Und leugnen läßt es sich auch in der That nicht: die sogenannten reformirten oder getauften Juden, sobald sie sich vom conservativen altväterlichen Glauben losgesagt, coquettiren meistens gern mit der Revolution; das sehen wir in allen Perioden der Geschichte, das sehen wir auch in den heutigen Tagesereignissen. Es liegt nun einmal im menschlichen Charakter, daß das Religiöse ein solches Uebergewicht über uns behauptet; daß wir uns von chm nicht emancipiren können, ohne einen Wechsel in allen unseren früheren Ueberzeugungen eintreten zu lassen. Dieses wird hoffentlich zur Erklärung der im ganzen meist parteilosen Stellung der Israeliten zur polnischen Frage genügen. Großbritannien. London, 10. September. (Privatmitth.) Es giebt Vereine, die von chrem Thun und Wirken viele Worte machen, und bei Lichte gesehen, besteht dies in sehr geringen Thatsachen, während andere sich wenig in die Qeffentiichkeit drängen, die sie doch durch ihre vielfache bedeutsame Thätigkeit verdienen. Zu den letzteren gehört das Board of Deputies, von welchem in Ihrem durch die ganze civilisirte Welt verbreiteten Blatte nur selten die Rede ist. Nehmen wir nur die letzte Sitzung des Board in Betracht. Unter dem Vorsitze des Esq. M. Montefiore. Die erste Angelegenheit bildete die Verfolgung zu Sana. Der Präsident hat die in Aden und Alexandrien darüber angekommenen Briese dem Minister des Auswärtigen, Lord John Ruffel, mitgetheill, der versprochen hatte, vermittelst der indischen Regierung und des Gouverneurs von Aden einzuschreiten. Die zweite Anlegenheit war die der serbischen Juden, für welche die pariser Alliance die Mithülfe des Board beanspruchte. Das letztere

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