Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 27 (1863)
- Issue
- Heft 39 (22.9.1863)
- Date
- 1863-09-22
- Page
- Seite 601 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3226364-3226404--21556-3301471- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Riga 1× ep/1000826
OCR text
601 ancen sich präsentirenden jüdischen National-Physiognomien, sowie auch die zahlreichen Kostgänger, welche die hiesigen jüdischen Restaurationen im Laufe des ganzen Tages und bis spät in die Nacht füllen. Desto auffallender erscheint es, daß hier nicht nur in keinem einzigen Privathause, sondern selbst auch nicht in den erwähnten Restaurationen, — wo doch sonst alle möglichen Zeitungen und Journale bis selbst auf die berüchtigte Kreuz-Zeitung ausliegen, — irgend ein jüdisches Blatt und namentlich die Allg. Ztg. des Judenth. oder daS jüdische Volksblatt anzutreffen sind. Ueberhaupt ist die israelitische Gemeinde hier durchgängig so sehr dem Materialismus ergeben, daß fast niemand seinen Laden am Samstage geschlossen hält. Vor dem Jahre 1848 durfte sich hier kein Jude definitiv niederlassen, und erst mit dem neuen Regime erhielten sie auch hier das Bürgerrecht, während welcher Zeit sich bis jetzt gegen 60 Familien angesiedelt haben, die größtentheils wohlhabend sind. Dennoch besitzen dieselben hier bis jetzt weder einen Orts-Rabbinen noch einen Gottesacker, und ist namentlich der Mangel des letzteren, zumal bei der ziemlich bedeutenden Bevölkerung der angereiften jüdischen Curgäfte, überaus fühlbar; indem man die Leichen nicht selten bei einer Lufttemperatur von 35 Grad Hitze nach dem benachbarten, etwa einige Stunden entfernten Orte Lichtenstadt unter vieler Beschwerlichkeit zu transportiren gezwungen ist. Nachdem ich hiermit die Mängel der hiesigen Gemeinde aufgezählt, so halte ich es, nach dem Grundsätze N2W2 2^21 m:32 nns für billig, auch die löbliche Seite derselben zu berühren. Die carlsbader jüdische Gemeinde besitzt eine zwar lleine, aber recht anständige Synagoge mit einem geregelten Gottesdienste und einem Chor, welchen der hiesige Cantor Krause unter Mitwirkung mehrerer hiesiger gebildeter junger Leute mit vieler Sachkenntniß leitet. Ferner besitzt dieselbe ein bequem eingerichtetes Spital mit circa 30 Betten, welches sowohl als die Synagoge vor etwa 8 Jahren unter eifriger Betheiligung der Gemeinde von mehreren hier in Cur gewesenen Prager Notablen ins Leben gerufen worden ist und von einem in Prag residirenden Comite und dem hiesigen Localvorsteher Schwalb administrirt wird. Am verflosienen yrm rnnw hat uns der hier in Cur gewesene Rabbiner zu Pesth, Dr. Meisel, durch eine in der hiesigen Synagoge gehaltene sehr gehaltvolle Predigt, sowie auch der rühmlich bekannte Ober- Cantor zu Pesth, Herr Friedmann, durch seine am 2«2 rwsjn meisterhaft recitirten mrp außerordentlich erbaut. In Folge der Zeitereignisse in Polen kamen auch viele dortige Juden hierher, um Hierselbst eine bessere Zukunft, resp. den so allgemein ersehnten Frieden abzuwarten und einstweilen jene unruhige Gegend mit dem stillen, von Bergen eingeschlossenen Thalkessel Carlsbads zu vertauschen. Was übrigens die politische Stellung der Juden zur polnischen Frage überhaupt betrifft, so brachte darüber unlängst die „Riga'fche Zeitung" einen interessanten Artikel von vr. Ettlinger in Mohilew, den ich im wesentlichen hier resumire. „Bei den lebhaften Kämpfen um das Nationalitätsprincip in den westlichen Provinzen", heißt es daselbst, „möchte es sich wohl der Mühe lohnen, die Stellung der dort zahlreich vertretenen jüdischen Nationalität zu diesen Fragen näher ins Auge zu fassen; denn so wenig die letztere sich berechtigt glauben kann, in diesem Kampfe eine politische Rolle spielen zu wollen, so laßt sich doch auch nur vom socialen Standpunkte aus eine Bevölkerung von nahezu einer Million nicht so leicht übersehen, in einer Lage zumal, wo ftiedliche Straßen und Wohnhäuser plötzlich das Ansehen eines Schlachtfeldes gewinnen. Sehen wir von der stürmischen Sang- und Klangperiode des Jahres 1861 ab, wo Kirche und Synagoge die polnische Schwärmerei willig unter ihren Mantel nahmen und daher, wahrhaft charakteristisch für die sociale Stellung, das homiletische Wort und Gebet des jüvischen Predigers der nationalen Sache eine Waffe lieh, verständlich übrigens nur für die beschränkte Zuhörerschaft der „Gebildeten", wobei daher von einem Eindringen in das Volk nicht die Rede sein kann. Sehen wir von dieser Periode ab, so bleibt es immerhin merkwürdig, daß die jüdischen Einwohner diesem Kampfe bisher im allgemeinen so unparteiisch zusahen. Daß diese Nichtinteroentionspolitik en miniature übrigens nicht überall die gleiche und richtige Beurtheilung gefunden, ließ sich erwarten; in russischen Kreisen klagt man über den Mangel an offenem Patriotismus; die polnische geheime Nationalregierung bedauert in öffentlichen hebräischen Rundschreiben die Zurückhaltung im allgemeinen und fordert zu eifrigem Anschlüsse auf, und in unparteiischen Kreisen findet man für diese in sich selbst abgeschlossene Haltung den Beweis des Mangels alles wahren Patriotismus bei Israeliten überhaupt; denn wie, fragt 39