Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1863-09-22 · Heft 39 (22.9.1863) · p. Seite 595

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
27 (1863)
Issue
Heft 39 (22.9.1863)
Date
1863-09-22
Page
Seite 595 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3226364-3226404--21550-3301465
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

595 wachsende Verbeitung einer oberflächlichen wissenschaftlichen Bildung dem religiösen Leben außerordentlichen Schaden zufügt. Hierzu kommt nun die Stellung der Juden als Minorität. Die jüdische Jugend besucht größtentheils die allgemeinen Lehranstalten, die mehr oder weniger einen confessionell-christlichen Charakter tragen, und mehr oder weniger, offener oder verdeckter, suchen die Lehrer in den Herzen und Geistern der Jugend das Judenthum zu bekämpfen; oder sie sind von der atheistischen oder pantheistischen oder kosmopolitischen Richtung ergriffen und sprechen sich gegen alle Religion, gegen alle Religionsmeinungen und Confessionen aus. Der Jude kann kaum ein Buch öffnen, in welchem nicht gegen seine Religion und Glanbensgenosien mehr oder weniger agitirt wird, oder wo nicht wenigstens Lehren und Meinungen zum Ausdruck kommen, die denen seiner Religion widersprechen. Gegen alle diese zersetzenden und ablenkenden Momente müssen doch etwelche Mittel vorhanden sein, welche deren Wirkung paralysiren, das Interesse für das Judenthum wieder erwecken, die Liebe und Anhänglichkeit von neuem ansacken, die Geister überzeugen und befestigen, die Herzen erwärmen und stärken. Diese Mittel bestehen allerdings im regeren Gerneindeleben und angemesseneren Religionsunterricht, im veredeltern Gottesdienste, besonders in der Predigt. Aber wir dürfen es uns nicht verhehlen, daß diese Mittel unzulänglich sind. Denn theils ist deren Beschaffenheit an den meisten Orten noch sehr ungenügend, ja zum Th eil wieder verfallen oder durch schiefe Richtung zurückgebracht, theils nimmt der jetzige Mensch zu geringen Antheil gerade an diesen Instituten, um für sich und sein Haus belebende Wirkung daraus zu ziehen. Da ist es wiederum das Schriftenthum, welches nicht blos die kräftigste Abwehr bietet, sondern auch als wahrer Lebenswecker sich bethätigt. Die Schrift ist es, welche ihre Strömung bis in die letzte Hütte leitet, sich ihren Weg in alle Hände bahnt, und, von einem ältern Geschlecht vielleicht zurückgewiesen, von einem jüngern mit Begierde ergriffen wird. Vor der Schrift verschwinden die Persönlichkeiten, die sich so oft zwischen Lehrer und Schüler, zwischen Geistliche und Gemeinde legen. Die Schrift wählt sich keine bestimmten Zeiten und Stunden, die vielleicht diesem oder jenem in seinen materiellen Interessen entgegen sind, sondern sie bietet bescheiden, aber unermüdet sich für jede Mußestunde, für jede Laune und Stimmung dar; sie zieht gegenwärtig mehr als irgend ein Mittel den Menschen aus seiner Individualität, aus seiner Stimmung und Umgebung ab und versetzt ihn auf einen höheren geistigen Boden. So schafft sich das Schriftenchum eine große allgemeine Gemeinde, die nicht an Ort, Zeit und Person gebunden ist; es richtet sich einen Lehrstuhl, eine Kanzel auf, deren Zuhörerschaft unbegrenzt ist und deren Wirkung über alle Fernen und über alle Geschlechter reicht. Wir gestehen offen, daß diese Ansichten es waren, die vom Beginn unserer Laufbahn au uns leiteten; wir sagten uns, daß inmitten der herrschenden Zustände und Momente dem Judenthume nichts unentbehrlicher, nichts nützlicher sein werde als die Schöpfung eines neuen, kräftigen und allgemein verbreiteten Schriftenthums; daß ohne dieses das Judenthum für lange Zeiten verstechen und verkümmern müßte. Wir betonen hierbei das Wort „allgemein verbreitet". Denn so sehr wir die Werke der strengen Wissenschaft und Gelehrsamkeit zu schätzen wissen, wissend, daß ohne sie auch für das große Publikum nur oberflächliche und kurzathmige Erzeugnisse hervorgebracht werden können; so liegt es doch zu Tage, daß ihre unmittelbare Wirksamkeit nur auf einen kleinen Kreis beschränkt ist, und daß sie nur dürren Reisern gleichen, wenn sie an einem Baume hängen, der in Wurzel, Stamm und Wipfel ohne Lebenssaft und ohne Lebenskraft ist. An einem solchen Schriftenthume fehlte es aber den Juden seit Jahrhunderten, und diese Jahrhunderte halten denn auch bewiesen, daß ohne ein solches, tief in das Volk eingreifendes Schriftenthum das Leben abstirbt und in immer schwächeren Pulsen sich regt. Das ältere Judenthum hatte sich in den letzten Jahrhunderten nur noch in der gelehrten Bearbeitung halachischer Stoffe bewegt, deren Objecte selbst immer kleiner und nebensächlicher wurden. Das neuere Judenthum hatte außer nur in kleinen Kreisen verbreiteten Predigten, einigen werthvollen historischen Schriften und Brochüren über die Emancipation noch nichts Belebendes und Verjüngendes producirt. Es war daher der Gedanke, ein neues Schriftenthum und für dasselbe ein neues Publikum auf dem Gebiete des Judenthums zu schaffen, welcher uns leitete und bei jedem neuen Unternehmen in den Vordergrund trat. War es doch so weit gekommen, daß jedes jüdische Buch, in welcher Sprache auch es geschrieben war, entweder dem Autor nur eine Quelle der Bettelei oder dem Verleger eine Quelle des Verlustes war; daß, mit nur sehr wenigen Ausnahmen, ein jüdisches Buch, und war es auch von ttefflichster Art, dem Buchhändler auf dem Lager blieb; daß darum 39*

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.