Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 27 (1863)
- Issue
- Heft 39 (22.9.1863)
- Date
- 1863-09-22
- Page
- Seite 594 (sequence 2)
- Language
- German
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594 als eine volle Wahrheit erscheinen: aber es ergiebt sich aus den Abonnentenlisten selbst, daß es gerade in den großen Gemeinden, an den Hauptsammelplätzen unserer Glaubensgenossen, an solchen Männern fehlt; daß hier, wo einentheils die Gebildeten, anderntheils die Himmelstürmer nach vielen Hunderten zählen, niemand zu finden ist, der mit Energie unsere Angelegenheit betreibe. Was will z. B. Hamburg mit 20, Wien mit 30, Prag mit 25, Pesth mit 40, Berlin mit 100, Posen mit 90, Königsberg mit 35 Abonnenten u. s. w. bedeuten, wenn wir sie mit andern Mittlern und kleinen Gemeinden vergleichen, ja auch mit Gemeinden des Auslandes, wie Stockholm, Gothenburg, Kopenhagen, Brüssel u. a. O.? Wir wollen niemanden anklagen; jedenfalls aber schaden diejenigen, welche an solchen Platzen zur Führerschaft der Gemeinden berufen find, der guten Sache Lurch ihre Vernachlässigung und Theilnahmlosigkeit — aus welchen Motiven diese nun auch herrühre, — ungemein; sie schaden sich aber auch selbst in den Augen ihrer und anderer Gemeindeo, denn unzweifelhaft drängt sich diesen die Meinung auf, daß ihre Führer alle gemeinnützigen Unternehmungen ungesördert lassen, weil sie selbst persönlich nicht dabei betheiligt sind; daß es ihnen nicht um das allgemeine Wohl, um das Aufblühen und Erstarken des Judenthums, sondern nur um ihre unmittelbare persönliche Wirksamkeit zu thun sei. Früher oder später wendet sich der durch keine immer erneuten Anregungen bekämpfte Indifferentismus gegen sie selbst und macht sich ihnen auch in ihren persönlichen Beziehungen auf erschreckende Weise fühlbar. Damit eine Frucht reife, muß frühzeitig gesäet und unermüdlich gepflegt, begossen und besorgt werden. Aber ebenso schießt der Giftbaum, schießt Las Unkraut in die Höhe, wenn der Gärtner es unterläßt, fort und fort und mit allen sich Larbietenden Mitteln dagegen anzukämpfeu und unaufhörlich es auszurotten. Das Judenthum war von Beginn an eine Religiou des Schriftenthums, es war ein Stamm, der gegen die unaufhörlichen Unbillen, die auf ihn einströmten, stets einen starken Staat, einen kräftigen Halt im Schriftenthum suchte und fand. Der Gottesmann Mose begnügte sich nicht mit dem lebendigen Worte, das aus seinem Munde an die Priester, an die Aeltesten, an das gesammte Volk floß; begnügte sich nicht mit dem erhabenen Gesang, den er vor seinem Tode auf die Lippen seines Volkes legte; ja er begnügte sich nicht mit den zwei steinernen Tafeln, darauf das Grundgesetz eingegraben war. sondern schrieb ein großes, umfassendes Buch nieder, das dem Volke immer wiederholt vorgelesen werden, in welchem es Tag und Nacht forschen sollte. Von da ab bildete sich in Israel ein ununterbrochenes Schriftenthum aus, das durch alle Perioden reicht, und das, so viel wir auch davon noch besitzen, doch noch außerdem viele reiche Blüthen trieb, die der Sturm der Zeiten verweht hat. Nöthigte doch das Verhängniß selbst das niederzuschreiben, was eigentlich nur als mündliche Ueberlieferung von Geschlecht zu Geschlecht gehen sollte. Selbst in der dürrsten Zeit und in den abgestorbensten Gegenden fühlt der Jude den Drang, seine Gedanken und Empfindungen zum schriftlichen Ausdruck zu bringen; und es war und ist uns immer ein rührender Anblick, wenn z. B. ein polnischer oder ein russischer Jude in einem kleinen, weitentlegeneu Städtchen oder Dörfchen, wohin die Geistesbewegung, um nicht zu sagen die Geistesbildung, auch nicht den leisesten Wellenschlag führt, sich mit umfassenden Schriftwerken beschäftigt, in denen er die bedeutsamsten Fragen der Religiou, Philosophie und Wissenschaft zu lösen unternimmt und zu lösen glaubt. Zu keiner Zeit aber war das Schriftenthum zur Erhaltung und Erstarkung des Judenthums nothwendiger, unentbehrlicher, als in der unserigen, nicht blos weil unsere Zeit überhaupt ihr bedeutendstes Leben im Schriftenthum hat und ohne dasselbe weder existiren noch gedacht werden kann, nicht blos weil in unserer Zeit das todt ist, was sich nicht immerwährend durch die Schrift bekundet, äußert, belebt, entwickelt und gestaltet, sondern auch wegen der besondern Stellung und Verhältnisse des Iudenthums. Der Uebergang aus der Abgeschlossenheit in die allgemeine Weltcultur mußte die Juden aus einem Extrem in das andere werfen, aus der unbegrenzten Uebung ihrer Religion in ein religionsloses Leben, aus der unbedingten Anhänglichkeit in die eisigste Gleichgültigkeit, ja bis zur Verachtung ihrer Religion. Es ist dies ein Factum, das sich überall wiederholt, das nicht an Persönlichkeiten und Zeiten gebunden ist; denn wir sehen noch in unseren Tagen, wie die Ankunft der Cultur in Landstrichen, die von ihr bis dahin unberührt gewesen, sei es im fernen Osten, sei es im eignen Vaterlanbe, dieselbe Erscheinung erzeugt. Es ist auch nicht zu verkennen, daß das außerordentlich bewegte Leben unserer Zeit der Innerlichkeit der Individuen großen Abbruch thut; daß die unermeßliche Entwickelung des industriellen und commerzicllen Lebens, die außerordentliche Kräftigung des politischen und socialen Bewußtseins, ja selbst die