Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 27 (1863)
- Issue
- Heft 38 (15.9.1863)
- Date
- 1863-09-15
- Page
- Seite 585 (sequence 9)
- Language
- German
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585 beusgenofsen läßt sich gottlob nicht irre führen. Ihre schmerzensreiche Vergangenheit, so wie die an bitteren Enttäuschungen inhaltsreiche Gegenwart sind ihnen Leuchtsterne, die sie auf den richtigen, allein zum Ziele führenden Weg hinleiten. Ein Hinblick auf unser östliches Nachbarland, auf Siebenbürgen, zeigt uns wieder, daß, so sehr sich auch die Nationalitäten sonst bekämpfen mögen, sie dennoch in der Verfolgung und Unterdrückung der Juden eines Sinnes sind und sich zum gemeinsamen Kampfe brüderlich die Hand reichen. In der von der Regierung dem Landtage unterbreiteten Gesetzesvorlage befindet sich auch ein Punkt über die Gleichberechttgung sämmtlicher in Siebenbürgen lebenden Consessionen. Für den hochweisen Landtag des polyglotten Siebenbürgerlandes scheinen die Bekenner der mosaischen Lehre keine Confession zu sein. Denn in der an den Monarchen gerichteten Adresse erklärt derselbe, sechs von ihm aufgezählte Consessionen als völlig gleichberechtigt anerkennen zu wollen, unter denen wir jedoch vergebens die Bekenner des Judenthums suchen. Während ich nun diese Zeilen schreibe, meldet ein Telegramm aus Hermannstadt, daß der sächsische Deputtrte, Schullehrer Lubley, ein warmes Wort für die jüdische Sache gesprochen hätte. Sobald mir das Nähere der Rede bekannt sein wird, werde ich es an Mittheilungen nicht fehlen lassen. Da die Auto nomie der jüdischen Schulen und mit ihr zugleich die Jnspectoren schon mit Beginn des nächsten Schuljahres ins Leben treten sollen, so ist man natürlich hier allgemein gespannt, auf wen wohl eine solche wichtige Wahl fallen werde. Die nächste Zukunft wird übrigens darüber den besten Aufschluß geben. An den h. öffentlichen Schulen sind die Prüfungen bereits vorüber und waren die Resultate im allgemeinen sehr befriedigend. In der Mädchenschule hat ein christlicher Professor einer Schülerin, deren während der Prüfung gelieferte ftilische Arbeiten allgemeine Sensation erregten, einen Sil betthaler gespendet. Diese Anstatt sieht mit nächstem Schuljahre einer völligen Reorganisirung entgegen. Um der englischen Missionswirthschast einen Damm zu setzen, beschloß der h. Vorstand, die Schule in ein anderes Stadtviertel zu verlegen, die Localitäten zu erweitern und noch einen Lehrer zu engagiren. Möge es den wackeren Männern, die an der Spitze unseres Schulwesens stehen, gelingen, die nicht geringe Zahl jüd. Kinder aus den Klauen der Proselytenmacher zu retten. Seit einigen Tagen weilen zwischen unseren Mauern die Herren Rabbiner Löw, vr. Steinhart und Di*. Zipsser. Der Zweck ihres Hierseins ist die in meinem jüngsten Berichte erwähnte Bibelübersetzung. ES haben nun die Herren die Uebersetzung der 5 Bücher Moses in Ungar. Sprache selbst übernommen, ohne auf jede Renumeration Anspruch zu machen. Für die Uebersetzung der übrigen 19 Bücher der heil. Schrift hat der Magyar isr. Egylet die Summe von 1660 fl. präliminirt. Es ist hier allgemein ausgefallen, daß der Egylet zu diesen Berathungen Männer wie Dr. Hauser, Dr. Schwab, Jg. Reich, Religionslehrer H. Deutsch und M. Ziltz, die doch sämmtlich durch ihr hebr. ungar. Wissen hervorragend sind, nicht geladen hat. Eine solche Rücksichtslosigkeit muß um so mehr wundern, da die Betreffenden, abgesehen davon, daß sie fast alle Mitglieder des Vereins sind, so manches für die Förderung der ung. jüdischen Literatur durch Wort und Schrift geleistet haben. Oder sollte man auch hier das „Gutgesinntsein" in Anbetracht genommen und nicht so sehr die Wichttgkeit und Heiligkeit der Sache als Personen vor Augen gehabt hcchen? R. Hermarmstadt, 6. September. Auch in Siebenbürgen, auch von den hiesigen Rumänen wird daffelbe Schauspiel wie von den Magyaren, galizischen Polen, Moldauern und Wallachen aufgesührt: Freiheit für ihre Nation — Knechtschaft allen anderen! Dafür sprechen die folgenden Verhandlungen des siebenbürger Landtags, die wir der „Presse" entnehmen. Die Landtagssitzung am 28. und 29. August — beide der General-Debatte über den Gleichberechügungs - Gesetzentwurf gewidmet — brachten zum erstenmal eine hervorragende principielle Divergenz der nationalen Lager zum Ausdruck. Die Stützpunkte der beiden an den Tag gettetenen Richtungen waren einerseits die Regierungsvorlage, andererseits der modificirte Entwurf des Ausschuffes. Während die erstere in den Sätzen culminirt: die rumänische Nation und ihre Consessionen sind ebenfalls gesetzlich anerkannt; die Ausübung politischer Rechte ist unabhängig von jedem Religions-Bekenntniffe; die sämmtlichen Nationalitäten Siebenbürgens sind vollkommen gleichberechtigt; — während mit anderen Wotten die Regierungsvorlage eine theorettsche Formel sucht, um zur Beruhigung der Rumänen deren factisch vorhandene Gleichberechti- 38