Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 27 (1863)
- Issue
- Heft 38 (15.9.1863)
- Date
- 1863-09-15
- Page
- Seite 579 (sequence 3)
- Language
- German
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579 Leben umspannendes Gesetz durchgearbeitet wurde, schritt die heidnische Welt in ihrer Entwickelung so weit vor, daß das antike Wesen erschöpft und die Geistesbildung eine verhaltnißmäßig vorgeschrittene war. Es kam die Zeit, wo die erste Strömung der religiösen Idee in die übrige Menschheit eindringen und in der abendländischen wie der morgenländischen Welt einen weiten Kampfplatz gewinnen kounte, indem die religiöse Idee mit heidnischen Elementen zuerst verschmolzen wurde, dann aber den inneren Kampf begann. Dieses Eindringen war auf dem vorbereiteten Boden nicht schwer, gelang dem Christenthume in einigen Jahrhunderten, dem Islam in einem Jahrhundert; der innere Kampf begann sofort und dauert bereits durch die ganze Zeit bis zur Gegenwart und wird noch viele Epochen hindurch andauern müssen. Mit diesem Eindringen war aber zugleich die Zerstreuung der die totale religiöse Idee tragenden Nation nothwendig, und dieses Schicksal traf sie nicht nur theilweise mit der zweiten Zerstörung ihres nationalen Mittelpunktes, sondern war schon mit der babylonischen Gefangenschaft begonnen und durch die folgeuden Jahrhunderte fortgesetzt, so daß der an Zahl größere Theil der Nation längst schon in zahllosen kleineren und größeren Gruppen über die Erde zerstreut war, bevor der kriegsmächtige Römer die Mauern Jerusalems brach. Schon Moses hatte diesen Gang in der Voraussicht des Kampfes, den die Gotteslehre mit dem Heidenthume im Schooße Israels zu bestehen haben werde, in großen Zügen angedeutet; schon im Buche Josua (4, 24.) wird die Erkenntniß Gottes seitens „aller Völker der Erde" als Ziel ausgesprochen; in dem Gebete Srlomo's bei der Tempelweihe tritt es im deutlichsten Ausdruck entgegen; und die Propheten verkünden es immer klarer und unumwundener, die erfieren mit speciellem Bezug auf Assyrien und Egypten, daun auf Chaldäer, Meder und Perser, zuletzt auf alle ihnen bekannten und zukünftigen Völkerschaften. Wir geben zu, daß in den späteren trüben Zeiten im allgemeinen bei den Bekennern des Judenthums der Gesichtskreis sich wieder verengerte, daß sie sich inmitten unsäglichen Mißgeschicks, niederzebeugt von dem beispiellosesten Joche, an den concreten Ausdruck eines persönlichen Messias fest auklammerten und die Wiederherstellung des nationalen Israels und seines Heiligthums buchstäblich nahmen; dennoch aber zeugen viele Sentenzen in unserem Gebetbuche, daß die höhere und allgemeinere Ansicht auch damals nie ganz geschwunden, und in der Tiefe immer die Ueberzeugung von dem einstigen allgemeinen Siege der Gotteslehre bestand. Das Judenthum des 19. Jahrhunderts aber konnte darum um so leichter unmittelbar an die Weltanschauung der Propheten anknüpfen, und diese durch die großen factischen Erfahrungen der Menschheit, durch das große Material der seitdem verlebten Geschichte zu klarem Verständniß ausbilden. Fügen wir nur die eine Bemerkung hinzu, daß allerdings vor dieser Weltanschauung, ihren wahren Momenten und großen Zielen der Glanz weltlicher Herrschaft, kriegerischer Großthaten und mächtigen Reichthums nur wenig Geltung hatte, und diese lediglich als zeitliche Factoren der Wellereignisse galten, die ohne sittlichen Inhalt der Verwesung um so eher anheimfallen; daß vor ihr selbst wissenschaftliche und künstlerische Ausbildung nur eine secundäre Bedeutung hatte; ferner, daß sie mit um so bewundernswürdigerem Freimuth nicht zögerte, gegen die weltbeherrschenden Dynastien, gegen den höchsten Völkerruhm und die ausgedehnteste Dölkermacht sich zu erklären und ihnen das Verdammungsurtheil ins Gesicht zu schleudern. Möge immerhin darum von den Trägern dieser Anschauung die. Einseitigkeit nicht fern geblieben sein; mögen sie in ihrem Eifer für Wahrheit und Recht, für Liebe und Frieden, der Entwickelung der Geisteskräfte durch Politik, Wissenschaft und Kunst viel zu geringe Bedeutung beigelegt haben — im großen Ganzen des Menschengeschlechts hatten sie den allein wahren Gesichtspunkt inne und hielten ihn mit eiserner Consequenz fest. Hierzu kömmt, daß es seitens der Bekenner des Judenthums nicht bei dem blos theoretischen Aussprechen dieser Anschauung verblieb, sondern daß sie selbst zum realen Prüfstein, zum Werkzeuge des Martyriums für diese Weltanschauung dienen mußten, so daß der Mangel oder das Wachsthum jener höchsten Grundsätze sich an ihnen factisch erprobten. — Dies ist die jüdische Weltanschauung, welche den Menschen aus dem unmittelbaren Naturleben durch die Sünde zum sittlichen Bewußtsein („Erkenntniß des Guten und Bosen") kommen läßt und ihn von da aus unter der Waltung der göttlichen Vorsehung den großen und weiten Gang der Entwickelung vorwärts führt, dieser Entwickelung aber als Inhalt die Erkenntniß der Gotteslehre und die Verwirklichung des Rechts und der Liebe anweist. — Betrachten wir nun die Weltanschauung, wie sie unmittelbar aus dem Christenthume sich ergiebt. Wer vorurtheilslos das Christenthum, wie es im Neuen Testamente, im Kirchenthume und in seiner jetzt fast zweitau- 38*