Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 27 (1863)
- Issue
- Heft 38 (15.9.1863)
- Date
- 1863-09-15
- Page
- Seite 578 (sequence 2)
- Language
- German
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578 wir die Art und Weise betrachten, wie sie Gott zu Adam und zu Kain sprechen, wie sie ihn die große Fluth über das entartete, zu sittlichen Zwecken unbrauchbar gewordene Geschlecht bringen, wie sie ihn das richterliche Uriheil über Sodom und Gomorra aussprechen und verwirklichen läßt, bis zu den vielfachen Aussprüchen der Propheten über das Schicksal der gewaltthätigen und sittenlosen Völker — Israel eingeschlossen —. Ueberall werden alle Vorkommnisse und Ereignisse in der Menschenwelt als von dem Walten Gottes abhängig und, so weit die Bethätigungen des freien Willens der Menschen reichen, dem Gerichte Gottes unterworfen gelehrt. Welche ist nun die Weltanschauung, die sich in der Schrift auf diese Weltordnung aufbaut? Die Schrift beginnt die Geschichte der Menschheit, welche letztere sie als eine Einheit betrachtet, mit der Darstellung, wie die Seelen der Menschen in Unschuld und Reinheit in die Erdenwelt treten, und aus welchen Momenten der Mensch zur Sünde kommt; nämlich aus zwei Momenten, aus der Sinnlichkeit und aus der Gesellschaftlichkeit; das erstere zeigt die Geschichte Adams in dem sog. Paradiese, daS andere iu der Geschichte Kains und Abels. Adam und Eva konnten ihrer Sinnlichkeit keine Schranke setzen, sondern ergaben sich dem unbegrenzt ten Genüsse derselben; Kain und Abel, jener der Ackerbauer und feste Ansiedler, dieser der nomadisirende Hirt, geriethen in Besitz- und Rangstreitigkeiten, welche mit einem ungeheuren Verbrechen endeten. Die Schrift fügt aber auch gleich die Art der Sühnung und Buße hinzu, indem sie den durch sinnlichen Genuß sündigen Adam seine Bedürfnisse fernerhin mühsam aus dem Boden der Erde erarbeiten, den festen Ansiedler Kain „unstät und flüchtig" werden läßt. So kommt ihr der Mensch aus der Unschuld innerhalb der Sinnlichkeit und Gesellschaftlichkeit zur Sünde und von dieser durch Sühnung und Buße zur Befreiung von der Schuldhaftigkeit, zur Schuldlosigkeit. Hiermit hat sie bei ihrem Beginne die sittliche Weltordnung, soweit sie die Individuen betrifft, festgestellt, und verfolgt nun das Menschengeschlecht auf seinem Entwickelungsgange. Hier zeichnet sie in Lapidarstil zuerst die äußerliche Entwickelung, theils iu den Erfindungen der Industrie und Kunst, der Zelte, Häuser und Städte, der Musik, Dichtkunst und Erzbearbeitung, theils in der Vermehrung der Menschen, der Verzweigung in Stämme und Nationen mit ihren verschiedenen Sprachen, der Vertheilung in große Volkergruppen, der Ausbreitung über die ganze Erde; es entstehen Staaten, Königreiche mit ihren Residenzen, große Baute» zu Land und zu Wasser vor unseren Augen. Soweit gelangt, ist ihr von nun an die innere Entwickelung die Hauptsache; und diese liegt ihr vorzugsweise in dem Entstehen, der Begründung, Fortbildung, Ausbreitung und Verwirklichung der religiösen Idee, in deren Totalität und ganzen Consequenz. Um zu wissen, was wir unter dieser religiösen Idee der Schrift zu verstehen haben, rufe man sich unsere Darstellung von dem consequenten religiösen System iu No. 9 dieser Abhandlungen zurück. Es handelt sich hierbei niemals blos um einige Glaubenssätze, sondern um deren sämmtliche und feste Consequenzen in Sittlichkeit, Gesellschaft und Staat. Zu diesem Zwecke greift nun die heilige Schrift aus der gesammten Völkermasse eine Nation heraus, welche für die religiöse Idee erzogen, der sie übergeben werden, die sie tragen und erhalten soll, während die übrige Menschheit ihren weiteren freien Entwickelungsgang verfolgen soll, bis sie in ven Jahrtausenden zuerst für die Erkenntniß, dann für die Verwirklichung der religiösen Idee reifen werde. Auch hier tritt uns kein veus ex machioa entgegen, sondern eine Entwickelung, die nach vielen Jahrhunderten zählt. Wir sehen den Maua Abraham mit dem Begriffe des allmächtigen Gottes, Schöpfers der Welt und Richters aller Menschen, aus Iunerasien nach dem Westen ziehen; wir sehen die Nachkommen seines Enkels, zu einer Volksmasse geworden, in die Wüste ziehen, um während eines vierzigjährigen Aufenthaltes durch Moses die Grundlage der ganzen religiösen Idee zu erhalten; wir sehen wahrend des darauf folgenden tausendjährigen Kampfes der religiösen Idee mit dem Heidenthume im Schooße dieser Nation selbst die Propheten den Sieg der ersteren herbeiführen, vermittelst eines furchtbaren Geschickes, das Liese Nation als Folge dieses Kampfes betraf. Mit diesem Siege erweitert sich aber der Gesichtskreis, und schon die Propheten erschauen den Eintritt der religiösen Idee iu die übrige Menschenwelt, den vieltauseudjährigen Kampf derselben mit dem Heidenthume in den übrigen Theilen des Menschengeschlechts, aber auch den endlichen sichern Sieg jener über das letztere, zuerst als Erkenutniß in der Geisteswelt, dann als Verwirklichung in der Gesellschaft zu einem allgemeinen Reiche des Rechts, der Liebe und deS Friedens. Während nun in dem wiederhergestellten Israel die siegreiche religiöse Idee zu dauernver Befestigung in dieser Nation während der ganzen nun beginnenden Zukunft in eia bis ins einzelnste verästeltes, das ganze