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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1863-09-15 · Heft 38 (15.9.1863) · p. Seite 580

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
27 (1863)
Issue
Heft 38 (15.9.1863)
Date
1863-09-15
Page
Seite 580 (sequence 4)
Language
German
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58V sendjährigen Wirksamkeit sich darstellt, erwägt, der gewahrt an ihm zwei Seiten: die dogmatische und die ideale. Wir wollen nicht unterlassen beide nach ihrem -Inhalte zu würdigen. Das dogmatische Christenthum beginnt ebenso wie das Judenthum mit dem unmittelbaren Naturleben des Menschen, erkennt ebenso die Wallung der göttlichen Vorsehung und das göttliche Gericht in den Geschicken der Einzelnen wie der Völker an. Allein es kann von diesen der Gotteslehre entnommenen Fundamentalsätzen in seiner Weltanschauung nur einen secundären Gebrauch machen, nämlich in der Beurtheilung der einzelnen Facta und Personen. Für das Allgemeine wird ihm durch das ihm unentbehrliche Dogma der Erbsünde ein ganz anderer Boden bereitet. Hierdurch sind also die Menschen von Geburt an der Sünde und dem Verderbniß verfallen, und erlangen die Erlösung von diesen erst durch den Glauben an das Factum der durch den Tod des Stifters der christlichen Religion für den Gläubigen erwirkten Erlösung. Hiermit ist für den ganzen Theil der Menschheit, in welchem dieser Glaube nicht vorhanden oder nicht zum Durchbruch kam, das Heil unerreichbar. In den Jahrtausenden, die diesem Factum vorangingen, so wie in den zahllosen Gescblechtern der Menschheit, die Liesen Glauben nicht besitzen, ist alles Geistesleben nur verderbt, dem Heile abgewandt, der Verdammniß geweiht; ja, je größer die Geistesgaben in einzelnen Völkern und in Individuen sind, desto verderblicher wirkt ihre Thätigkeit ohne diesen Glauben. Der Grundsatz der Entwickelung fehlt hier also gänzlich, oder dieselbe wird nur als auf verkehrte Wege und zum Unheile führend angesehen. Dies hat sich denn auch faclisch genugsam erwiesen, da die Kirche der freien Entwickelung der Wissenschaft und Kunst stets entgegentrat, und wo sie auf sie traf, ihre „Umkehr" verlangte, ihre engste Begrenzung von der Staatsgewalt forderte. Die einzige Entwickelung besteht dem dogmatischen Christenthume daher nur in der Verbreitung dieses Glaubens, und so lange die letztere in der Menschenwelt nicht fortschreitet, ja, da diese in den letzten Jahrhunderten eher Rückschritte gemacht und in zahllosen Geistern der civilisirten Welt an Boden verloren hat, ist ihm die Entwickelung nur zum Bösen und zum Verderbniß gewandt. — Betrachten wir nun die andere, die ideale Seite, so besteht sie wesentlich in einer unbegrenzten Entfaltung der Liebe; sie dringt nicht blos auf Versöhnlichkeit gegen die Feinde, auf die thatkraftige Barmherzigkeit auch gegen die Feinde — denn diese lehrt und befiehlt auch das Judenthum — sondern auch darauf, daß wir unsere Feinde auch segnen; daß wir ihrer Gewaltthat durch die freiwillige Hingabe dessen, was sie uns gelassen, entzegenkommen; daß wir das Unrecht dulden und demselben nicht durch Abwehr und Hinwegschassung entgegen treten sollen. Sie besteht ferner in der dem jenseitigen Leben vorzugsweise zugewandten Betrachtung, in der Gleichgültigkeit gegen das reale Leben auf der Erde, in der Zurückgezogenheit vom weltlichen Verkehr, in der Ertödtung des sinnlichen Lebens, in der Rückkehr zu dem unmittelbaren Leben der kindlichen Unschuld. Diese ideale Seite des Christenthums befaßt daher lediglich das Leben des Individuums, löst das ganze Menschengeschlecht in die bloße Masse der Individuen auf, erkennt die Gesellschaft als solche nicht an und überlaßt sie sich selbst. Während das Heidenthum das Individuum gar nicht kannte, sondern nur den Staat, das Individuum nur als Glied der Staatsgemeinde faßte; während das Judenthum Idee und Realität nicht trennte, sondern den von der Idee erfüllten, durchdrungenen und beherrschten Realismus, oder anders gesagt, die von dem realen Leben erfaßte und verwirklichte Idee wollte: weiß das ideale Christenthum nur vom Individuum, das dem Ideale eines jenseitigen Lebens zustrebt, und setzt ihm darum Bedingungen, welche über die Natur des Menschen weit hinaus reichen und ein gesellschaftliches Leben entweder unmöglich machen oder in ihm unbeachtet lassen. Es geht hieraus hervor, daß die dem Christenthume erfließende Weltanschauung keine einheitliche ist, sondern aus dem dogmatischen Christenthume in die extensive und intensive Verbreitung des Glaubens an die christlichen Dogmen, aus dem idealen Christenthume in die Vernichtung des Realismus durch das der jenseitigen Existenz zugewandte Leben des Individuums gesetzt wird. Es ist nicht unsere Sache, den Zwiespalt und Widerspruch zwischen diesen beiden Anschauungen hervorzuheben oder auszugleichen. Das Kirchenthum, das selbstverständlich das Hauptgewicht auf die erstere legte, hat das ideale Moment immer durch das dogmatische beschranken, den Kreis der Wirksamkeit jenes auf die Anhänger dieses abgrenzen wollen, und die consequenteste Ausschließung aller Andersgläubigen nicht blos aus dem Himmel sondern auch von allen gesellschaftlichen Beziehungen vorgeschrieben. Wir überlassen es dem Urtheile des unparteiischen Forschers, welche von diesen Weltanschauungen der Wahrheit am nächsten komme; welche von ihnen dem Begriffe der göttlichen Vorsehung, der gött-

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