Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 27 (1863)
- Issue
- Heft 37 (8.9.1863)
- Date
- 1863-09-08
- Page
- Seite 571 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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nach vielen Decennien zum ersten Male die Polen hier einen ganz ungeschmälerten Sieg davongetragen. Der Schaden, welcher unserer Gemeinde hieraus erwachsen wird, ist gar nicht zu berechnen. Die schon herrschende Unordnung wird sich voraussichtlich noch bedeutend vermehren. So existirt hier, unseres Wissens, kein Verein, der ordentliche Statuten besäße, von Handwerker-, Bildungs- und Vorschuß-Vereinen ist keine Spur da, die vorhandenen Vereine kommen niemals aus den Deficits heraus. Armuth und Elend läßt man die höchste Stufe erreichen, ohne an Abhülfe zu denken. Nur von den Reformern könnte Ordnung gemacht werden, aber von denen will man hier gar nichts wissen, und zwar, wenn man dieselben nach der hiesigen polnisch-deutschen Gemeinde beurtheilt, mit ziemlichem Rechte. Denn diese Herren haben weiter nichts von der Neuzeit angenommen, als die kurzen Röcke. Bezeichnend nannte sie deshalb Herr vr. Schwabacher in einer in Lemberg gehaltenen Predigt: Nur Schneider-Deutsche. Es ist sehr traurig, aber man muß es offen eingestehen: die hiesige deutsche Gemeinde hat sich durch ihren bis zur Stunde bei jeder Gelegenheit bewiesenen Jndifferentismus bei der Gesammtgemeinde in starken Mißcredit gebracht. Hören Sie nur folgendes Factum, das eben jetzt hier das Tagesgespräch bildet. Der durch seine theologisch-philosophischen Schriften rühmlichst bekannte Herr Isaak Misses wohnte hier seit seiner frühesten Jugend und zeigte sich, so lange er in günstigen Vermögensumständen lebte, als ein wahrer Vater der Armen und gastfreier Hausherr. Da durch verschiedene Unglücksfälle seine Verhältnisse ganz zerrüttet wurden, nahm er vor zwei Jahren das Anerbieten der hiesigen Tempelgemeinde an, gegen angemessenes Honorar allmonatlich Vorträge zu halten, welche durch ihren tiefen Gehalt ein bedeutendes Publicum anzogen. Dabei mangelte es ihm aber an den unentbehrlichsten Lebensbedürfnissen, so daß er jüngst nach einer Predigt erklärte, er sei gezwungen, die Stadt zu verlassen und einen andern Beruf zu suchen. Diese Mittheilung überraschte alle auf das schmerzlichste, aber gethan wurde — nichts, lieber diese Kälte heftig entrüstet, verließ Isaak Misses am nächsten Tage die Stadt. Hätte man seinen Gehalt von 200 Thlr. auf 300 Thlr. erhöht, so wäre der hiesigen Gemeinde der einzige Mann verblieben, der noch etwas Licht in der allgemeinen Finsterniß verbreitete. Ist dieser Vorgang nicht eine wahre Schmach für die sog. Fortschrittspartei? Während wir dieses niederschreiben, erhalten wir die Trauerbotschaft vom Ableben des Rabbinats-Assessor Moses Dembiner allhier, der an der Auszehrung gestorben. Er war ein Talmudist von bedeutendem Scharfsinn und großem Ruf, dabei tolerant und dem Chassidismus feindlich. Seine Krankheit ist, nach der Aussage der Aerzte, vorzüglich durch Hunger entstanden, da sein Gehalt sehr spärlich war!! So behandelt man hier die Männer der Wissenschaft! Zum Schluffe ein Curiosum. Vor Kurzem gelangte an den hiesigen Vorstand ein Schreiben aus dem Elsaß, welches um Zusendung eines Wundermannes zur Heilung einer besessenen Frau bat. Vorzüglich wurde angesragt, ob Rabb. Halberstamm aus Neu-Sandec dazu fähig sei. Der Vorstand befindet sich wegen dieser Sache in nicht geringer Verlegenheit. G. Rußland. Riga, im August. (Privatmitth.) Wir cheilen Ihnen die No. 169 der „Rigaschen Zeitung" vom 5. August mit, welche einen guten Aufsatz enthält, der die Lage der kurländischen Juden, sowie die nächsten Erfordernisse für sie gut charakterisirt. Sie sehen, man kömmt allmählig auf das, was Sie seit 20 Jahren schon predigen: Eröffnung des ganzen Reiches für die Juden, d. i. Freizügigkeit für die russischen Juden im ganzen Czarenreiche. Der Artikel lautet: „Wir haben, bevor wir von den Vorgängen in Kurland Abschied nehmen, noch eine wichtige Angelegenheit zu berühren, die (mit Ausnahme einiger in der Wochenschrift „Inland" geschehener Andeutungen) in der Presse bisher unberücksichtigt geblieben ist: die Stellung der Juden in Kurland und die dieser bevorstehenden Modificationen. Im Jntereffe der Humanität wie der öffentlichen Wohlfahrt halten wir es für geboten, das Schweigen über diesen Gegenstand zu brechen, unbekümmert darum, ob uns deshalb der (in dem Lande der „historischen Entwickelung" besonders gewichtige) Vorwurf theoretischen Schablonendienstes gemacht wird oder nicht. Die Juden in Kurland sind eine Thatsache und von dieser gehen wir aus; soll ihnen, wie dem Lande, das sie zu Übervölkern drohen und an das sie gegenwärtig gebunden sind, geholfen werden, so muß etwas geschehen; der gegenwärtige Zustand läßt die bestehen- 37**