Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1863-09-01 · Heft 36 (1.9.1863) · p. Seite 557

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
27 (1863)
Issue
Heft 36 (1.9.1863)
Date
1863-09-01
Page
Seite 557 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3224737-3226364-3226401--21509-3301421
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

557 Serbien. Belgrad, 28. Juli. Unter diesem Datum enthält die „Ostdeutsche Post" einen Artikel, der unsere Correspondenz in No. 33 ergänzt. Er lautet: Ihr Blatt hat schon oft das Princip der Gleichberechtigung aller Bürger eines Staates ohne Unterschied der Nation oder der Confession vertheidigt, daß ich mich der Hoffnung hingebe, daß Sie auch der folgenden Mittheilung die Aufnahme nicht versagen werden. Bekanntlich wanderten vor anderthalb hundert Jahren, von der Inquisition verfolgt, zahlreiche Judensamilien aus Spanien und Portugal aus, indem sie unter dem Schutze der osmanischen Sultane in der Türkei Gewissensfreiheit und bürgerliche Gleichstellung suchten und fanden. So siedelten sich fast in allen Städten der Türkei einige israelische Familien an, welche großentheils nicht unter der christlichen Bevölkerung und in den Stadttheilen derselben, sondern vielmehr unter den Muselmännern ihren Wohnsitz nahmen. So wohnten denn auch in Serbien zahlreiche Judenfamilien und zwar nicht allein in Belgrad, sondern auch in anderen Städten und Dörfern, wo sie ungestört ihre Religion ausüben und ihre Geschäfte betteiben durften. Dieser Zustand dauerte indeß nur so lange als die Herrschaft der Türken, und von dem Augenblicke an, als ein autonomer christlicher Staat unter einer christlichen Fürstenfamilie entstanden war, mußten die Juden das Gebiet des Fürstenthums räumen, bis auf Belgrad, wo ihnen in einem eigenen Stadtviertel Wohnsitz und Handel, der sich jedoch nie über die Grenzen der iunern Stadt hinaus erstrecken durfte, gestattet wurde. Die vorjährige Juni-Katastrophe verttieb, wie Ihnen bekannt ist, die Israeliten während der turbulenten Periode auch aus Belgrad; die österreichische Regierung gewährte ihnen mit großer Liberalität Schutz und Aufnahme in Semlin. Ein großer Theil, besonders der ärmeren israelitischen Familien, übersierelte nach Bulgarien, wo ihnen die Pforte bereitwillig neue Wohnstätten anwies, während die reicheren israelitischen Bank- und Geschäftshäuser sich gänzlich in Semlin niederließen. Der Rest der Israeliten wandert zwischen Belgrad und Semlin; denn während er au den Wochentagen seinen Geschäften in Belgrad nachgeht, wohnt er am Sabbath und Sonntag in Semlin. Sie begreifen, daß ein solcher Zustand auf die Dauer unerttäglich ist. Deshalb wendeten sich denn auch sammtliche bisher in Belgrad wohnhaft gewesenen Israeliten vor einiger Zeit an die fürstliche Regierung mit der alternativen Bitte, entweder um bürgerliche und religiöse Gleichstellung, oder um Entlastung aus dem serbischen Unterthanenverbande. Hierauf wurde sogleich seitens der fürstlichen Regierung eine Untersuchung über die Genesis dieser Petition angestellt, da man, dem Vernehmen nach, eine englische Jntrigue für die Quelle derselben hielt. Es ist begreiflich, daß es einem großen Interesse galt, wenn man die englischen Diplomaten fast in demselben Augenblicke hätte compromittiren können, wo Lahard im englischen Parlament schonungslos den Stab über die Politik des Fürsten Michael gebrochen hatte. Eine solche Untersuchung konnte natürlich kein Resultat haben, da die englische Regierung, wie mir gesagt wurde, in Folge des Ansuchens von Moses Montefiore den englischen General-Consul in Belgrad nur ermächtigt hatte, die Bitten der belgrader Israeliten bei der serbischen Regierung zu unterstützen, wenn diese ihn darum ersuchen sollten. Natürlich wird die Bitte der Israeliten nicht gewährt werden, und der Zustand der Letzteren wird bleiben wie bisher. Aber als Beitrag zur Culturgeschichte unserer Zeit und besonders Serbiens bleibt die Thatsache interessant. Brüssel, im August. (Privatmitth.) Auch für die Klagen der Israeliten in Serbien macht sich der im Osten so einflußreiche „Levant“ zum kräftigen Echo, und indem er unsere Correspondenz aus Belgrad in No. 33 wiedergiebt, fügt er die beachtenswerthen Worte hinzu: „Diese Forderung ist sehr gerecht, aber es ist dies noch kein Grund für den Prinzen Michael, sie zu erfüllen, da er sich die Aufgabe gestellt hat, seine heiligsten Verpflichtungen zu brechen, und allmälig die Freiheiten seines Volkes zu vernichten. Jedenfalls geben wir den belgrader Israeliten den Rath, sich an die diplomatischen Agenten Frankreichs und Englands in Konstantinopel zu wenden; diese werden es keinenfalls zurückweisen, so gerechte Forderungen zu unterstützen. Was die „erleuchtete Presse des Auslandes" betrifft, so hat sie im allgemeinen wenig Sympathie für das, was nicht Christ ist. — Die Pforte selbst kann in dieser Angelegenheit gar nichts ausrichten, und man hätte Unrecht, sie des Uebelwollens oder der Gleichgültigkeit zu zeihen. Da die Sache die innere Verwaltung betrifft, ist ihr jede Einmischung durch die 36**

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.