Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 27 (1863)
- Issue
- Heft 36 (1.9.1863)
- Date
- 1863-09-01
- Page
- Seite 549 (sequence 3)
- Language
- German
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549 «traft unfe Herz gegen die Phantasie aufzugeben. Nicht als ob diese Procedur nicht in einzelnen wenigen Individuen vor sich gehen könnte, dies leugnen wir nicht — aber nicht in einer Gesammtheit, in einer großen Vielheit von Menschen, weil jene Procedur eine sehr besondere Beschaffenheit in einem solchen Individuum voraussetzt. Dies liegt denn auch factisch vor; denn was band denn die Juden an ihre Religion so viele Jahrhunderte hindurch, und ließ sie um deretwillen die größten Leiden ertragen? Was bindet sie noch heute einer tausendfach verlockenden Welt, einem zersetzenden Leben gegenüber au dieselbe, und läßt sie noch heute vielfache Ausschließung und Beschränkung geduldig ertragen? Nichts Anderes, als daß in ihrer Religion der ganze Geist beansprucht und befriedigt wird, während sie dies aufgeben müssen, wenn sie übertreten; weil in ihrer Religion Vernunft und Herz frei und thätig sind, wahrend sie diese gebunden und ausgeschlossen bekommen, wenn sie ihre Religion verlassen wollten. Es findet dies so sehr statt, und darin liegt der beste Beweis für unsere Deduktion, daß dies nicht blos Ansicht der Intelligenz ist, sondern wie zum Instinkte bei der Masse geworden, und daß sie hiernach jeden Abfall von der Religion Israels wie eineu Abfall von Vernunft und Herzen, von Vernunftgemäßem und Herzensgemäßem beurtheilt. Ja, es ergiebt sich daraus, daß mit der größer» allgemeiner« Herrschaft von Bildung und Gesittung auch das der Bildung sich anschließende Judenthum nur ein um so festeres Band um seine Bekenner schließt; daß, je mehr im Allgemernen Vernunft und Herz vorwaltend werden, das Judenthum, das diesen gegen die auch in seinem Schooße durch das Mittelalter aufgehäuften Mißbrauche und Mißstände zu ihrem Platze verhilft und sich dadurch klärt und läutert, nur um so sicherer seine Bekenner festhalten werde, so daß der Traum jener Gegner, welche von der wachsenden Aufklärung den Untergang des Iudenthums verkündeten, zu Schanden wird, weil sie das Wesen des IudenthumS nicht kannten, da dieses in der Klärung jenes nur eine um so mehr verjüngende und erfrischende Kraft gewinnt. 9. Die Consequenz tut Judenthunre und Christenthume. Consequenz heißt die folgerichtige Durchführung der Grundbegriffe auf dem ganzen Gebiete des betreffenden Gegenstandes nach allen Richtungen hin. Durch eine solche Consequenz werden die Grundbegriffe erst lebendig, wirksam und darum zur Wahrheit; durch sie wird ein wesenhafter Organismus hergestellt, in welchem alle Glieder und Organe zusammengehören, sich ineinanderfügen und zu einem großen ganzen Leben werden; ohne sie wird Alles Schein, jene Grundbegriffe hängen in der Luft, oder verwirklichen sich nur in nnzusammenhängenden Erscheinungen, welche nicht im Stande sind, die realen Verhältnisse und Hindernisse zu überwinden. Die israelitische Religion stellt von ihrem Beginne an ein Bild vollendeter Consequenz dar. Sie hat zu ihrer Basis die Lehre vom einzigen Gotte, der die Welt geschaffen. Ihre erste Folgerichtigkeit bethätigte sie nun in der Lehre von Gott selbst, als dem unendlichen, unveränderlichen und ewigen, allmächtigen, allerheiligsten, d. h. vollkommensten. Ihre zweite Folgerichtigkeit war die Einheit des ganzen Weltalls und aller Wesen und Existenzen in ihr, die alle zu einem unermeßlichen Ganzen eingegliedert und zusammen gefügt sind. Folgerichtig erscheint Gott in dieser Schöpfung allweise und allgütig, darum die Welt vollkommen, kein Hebel in ihr vorhanden — alles Hebel ist nur ein Verhältniß zum Menschen — ein Princip des Bösen nicht existirend. Sie faßt den Menschen in dieser geschaffenen Welt als das sittliche Wesen, ans Körper und Geist bestehend, diese beiden zu einer harmonischen Einheit verbunven. Ihre dritte Folgerichtigkeit ist daher, den Menschen als Gott ebenbildlich zu fassen, und zwar im Selbstbewußtsein, in der Unerschöpflichkeit der Gefühle und im fteiea Wellen. Folgerichtig erkennt sie daher Gott in einem unmittelbaren Verhältniß zum Menschen als Vorsehung und Vergeltung, jene die Menschheit zur fortschreitenden Vervollkommnung führend, diese die Schuldhaftigkeit des reuigen Individuums in Barmherzigkeit auslöschend, vergebend, versöhnend. Folgerichtig bestimmt sie daher das Selbstbewußtsein des Menschen zur Erkenntniß, das Gefühl zur Liebe und den freien Willen zur Tugend und Läuterung, zur freien Selbstbestimmung für Recht und Pflicht. Folgerichtig wendet sie sich daher an alle Thätigkeiren deS Meafchengeistes, stellt als höchste Gesetze der Liebe auf: „Liebe den Ewigen, deinen Gott, mit deinem ganzen Herzen, mit deiner ganzen Seele und mit deinem ganzen Vermögen" (Herz, Vernunft, Willen), uuv: „liebe deinen Nächsten wie dich selbst", und findet in der freien Hebung des Rechts und der Pflicht das „Leben". Ähre vierte Folgerichtigkeit besieht nämlich nun in der Auffassung 36*