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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1863-09-01 · Heft 36 (1.9.1863) · p. Seite 548

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
27 (1863)
Issue
Heft 36 (1.9.1863)
Date
1863-09-01
Page
Seite 548 (sequence 2)
Language
German
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548 sätze als unbegreifliche Geheimnisse, als der Vernunft unfaßbare Mysterien verkündet. Glauben ist weder ein gesondertes Vermögen, noch eine unterscheidbare Thätigkeit des menschlichen Geistes. Sobald es sich als eine von außen gestellte Forderung setzt, also die Thätigkeit der Vernunft und des Herzens ausschließt, kann es nur »och als eine Thätigkeit der Phantasie gelten, und der Glaubenssatz als eine Vorstellung, welche der Phantasie anheimfällt und übergeben wird, weil er der Vernunft nichts Faßbares und Begreifliches übergiebt. Dies war die Basis, auf welcher das ganze Heidenthum beruhete und sich bewegte. Denn selbst die vernunftgemäßen Vorstellungen, welche einige heidnische Religionen an ihre Spitze gestellt, wurden von ihnen alsbald der Vernunft entzogen und der Phantasie zum bunten Spiel der fianbilvlichen Verarbeitung übergeben. Diesem einseitigen Wesen sollte nun die israelitische Religion von Beginn an entgegentreten, und eine Religion begründen, welche den ganzen Menschen beanspruchen, den ganzen Menschen umfassen und befriedigen sollte. Der Begriff Gottes und das Verhältniß des Menschen zu Gott sollte aus dem Bereiche der bloßen Phantasie herausgeschafst und der Vernunft und dem Herzen des Menschen überantwortet werden. Nur dadurch konnten die Wahvgebilde der Phantasie zerstört und ihnen vorgebeugt, nur dadurch eine dauernde religiöse Ueberzeugung geschaffen, der Geist zur Erkenntniß gebracht, die wahre und sichere Sittlichkeit begründet und zur Herrschaft im Leben des Menschen geführt werden. Diesen Standpunkt, daß die Religion alle Kräfte des Menschengeistes zur Thätigkeit und Befriedigung bringen müffe, und daß nur die eine wahre Religion sei, welche sich ebenso auf Vernunft und Herz wie auf die geschichtliche Ueberlieferung stützt, die daher nicht in einem ewigen Widerstreit der Vernunft und des Herzens gegen die geschichtliche Ueberlieferung besteht, jene auf immer zurückweisen und verdammen, diese als das alleinige Heil aufrecht erhalten muß, diesen Standpunkt nahm die Religion Israels von Anfang an ein und behauptete ibn, selbst durch die Trübniffe dunkler und trauriger Zeiten hindurch, immer fest, so daß er, wenn er eine Zeit lang verdunkelt war, doch immer wieder zum Vorschein und zum Durchbruch kam und sich als das erhabene Charakteristikum dieser Religion bewahrte. Was Wunder demnach, daß, als das Christenthum sich von diesem Standpunkte zu entfernen begann und seinem Glaubeusinhalte gemäß daS unbedingte Glauben, das Mysterium, welches die Vernunft und das Herz ausichließt, wieder zu seiner Grundlage machte, das Judenthum sich mit ihm in voller Opposition befand, seitdem in ununterbrochenem Gegensatz sich befindet und diesen gar nicht aufzugeben vermag. Diesen Gang verfolgte das Judenthum ganz besonders auch in der Auslegung der h. Schrift selbst. Das Wort derselben war stets der Prüfung, Forschung und Auslegung nach allen Seiten hin freigegeben. Auch der Talmud bringt die mannigfaltigsten Deutungen jedes Wortes der h. Schrift heran; auch die treuesten Anhänger des Talmuds hielten sich für befugt, den talmudischen Deutungen gegenüber zu dem einfachen Wortsinu zurückzukehren und diesen auf Grund der Fortschritte der Grammatik und Lexikographie zu eruiren. Erlaubt sich ja sogar der Talmud, irgend einem Ausspruche der Schrift durch Versetzung oder Veränderung von Buchstaben einen verschiedenen Siun beizulegen; er erlaubt es sich, weil er eben weiß, daß er hiermit nicht eine unabänderliche Deutung aufstellen, sondern nur einen neuen Gedanken aoknüpfen wollte; und die verschiedensten Auslegungen, wenn sie nur nicht geradezu schrfftwivrig sind, werden mit dem Spruche gerechtfertigt: „Dies und dies sind Worte des lebendigen Gottes". Es war daher immer ein sehr erfolgloses Bestreben der christliche» Missionäre, Juden dadurch zu ihrem Glauben zu bekehren, daß sie die kirchliche Aaslegung einiger auS ihrem Zusammenhänge gerissenen Stellen der Schrift als Beweise für die christlichen Glaubenssätze ihnen insiauiren wollten. Es giebt demnach hierin gar keine Wahl, gar keine Ausgleichung, gar keine Coanivenz. Entweder das Judenthum oder das Christenthum müßte sein ganzes, eigenes Wesen aufgeben, wenn eine Bereinigung stattfiaden sollte. Entweder das Christenthum muß seine Glaubenssätze und damit das unbedingte Glauben, d. h. den Ausschluß der Vernunft und des Herzens aufgeben, das ist nichts Anderes, als Judenthum werde»; oder das Juventhum müßte seine Grundlage in der Vernunft und dem Herzen, seine Uebereinstimmung der geschichtlichen Ueberlieferung mit der Vernunft und dem Herzen aufgeben, und könnte dann Christenthum, aber auch etwas Anderes, wie Islam oder sonst, werden. Es liegt aber darum offenbar, daß jenes dem Christeuthume eher möglich wäre, während dies dem Judenthume ganz unmöglich ist, weil es dem ganzen Menschen, der einmal als solcher in geheiligter Weise befaßt ist, nicht möglich ist, sein ganzes Wesen gegen die Thätigkeit eines TheileS, Ber-

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