Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 27 (1863)
- Issue
- Heft 33 (11.8.1863)
- Date
- 1863-08-11
- Page
- Seite 507 (sequence 9)
- Language
- German
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507 Massen, nicht aber in höheren Regionen. Während man am Ende des vorigen und Anfang dieses Jahrhunderts die Juden zur Bildung antrieb und zum Theil zwang, die nöthigen Werkzeuge aber mit Laternen suchen mußte, drängt sich jetzt die Masse zu den Quellen der Bildung; aber man behindert sie mehr, als man sie fördert. Die Führer und Leiter der jüdischen Gemeinden besaßen in sich nicht die Einsicht und Energie, eine so unentbehrliche Anstalt, wie ein jüdisches Lehrerseminar, zu gründen und genügend auszustatten, und ließen sich unbekümmert das Bedürfniß über den Kopf wachsen, während bereits seit dreißig Jahren die Unentbehrlichkeit solcher Anstalten z. B. von Ihnen, Herr Redacteur, täglich gepredigt wurde, und jetzt, da seit drei Jahren diese noch immer einzige jüdische Präparandie im Kaiserstaat gegründet ist, leidet sie noch immer Mangel genug, und der vorliegende Bericht mußte mit einem „Aufruf an alle Schulfteunde zur Gründung eines Stipendiensonds für arme brave Lehramtszöglinge" schließen, und es bedurfte großer Anstrengung von Seiten des Oberrabbiners Dr. Meisel, um im Wintersemester für zwanzig Lehramtscanditaten eine Suppenanstalt herzurichten. Denn da die Jünglinge, welche sich für das Lehrfach bestimmen, überwiegend aus der armen Klasse hervorgehen, so leiden sie den größten Mangel, was auf ihren Studiengang den nachtheiligsten Einfluß übt. Die genauere Geschichte der Gründung lese man in dem angeführten Berichte selbst nach. Am 24. October 1859 wurde die Anstalt feierlichst eröffnet, am 28. Juli 1860 die erste Jahresprüsung vorgenommen. Es waren 86 Candidaten. Am 9. und 10. Juli 1861 fand die erste Lehrerbesähizungsprüsung statt, und wurden 7 Candidaten zu Hauptschullehrern befähigt gefunden, sowie 18 zu anderweitigen Lehrern; am 16. und 17. Juli 1862 die zweite Prüfung, welche 9 Zöglinge zu Hauptschullehrern erllärte und 14 zu anderweitigen Lehrstellen befähigt fand. — Auch die Darstellung der inneren Organisation dieser Lehrerbildungsanstalt ist von großem Interesse und zeigt den vielseitigen Geist, der sie ins Leben ruft, weshalb wir uns einzelner Bemerkungen enthalten. Fortschritt und Verbesserung werden nicht ausbleiben. Mögen diese Zeilen dazu beitragen, die Aufmerksamkeit unseren ungarischen Glaubensgenossen und dieser Anstalt immer mehr zuzuwenden und die Ueberzeugung zu wecken, daß, was man ihr thut, für die ganze Jugend gethan ist, welcher die hier gebildeten Lehrer dereinst ihre Thätigkeit widmen werden! Brünn, 30. Juli. Der „Presse" schreibt man vom 26. d.: „Unser Pöbel ist in neuester Zeit sehr krawallsüchtig geworden; vor einiger Zeit schlug man, wie Sie auch mitgetheilt haben, einem Hausherrn in der Vorstadt wegen einer Delogirung alle Fenster ein; unlängst verwüstete man eine ganze Parzelle am Glacis, um Knochen zu sammeln, und gestern Abends kam es zu einem Exceß vor dem israelirischen Tempel. Die Gymnasiasten und Realschüler jüdischer Confession, welche Nachmittags Gottesdienst haben, gerierhen nämlich mit einem Schusterjungen in Streit und zerrissen ihm das Hemd, worauf der Junge durch die Straßen lief und schrie, die Juden hätten ihm das Hemd vom Leibe gerissen. Abends sammelten sich vor der Synagoge viele Menschen, welche anfingen Steine nach den Fenstern zu werfen; eine Polizei-Patrouille zerstreute jedoch ohne Anstand die Menge." Lemberg, 26. Juli (Nachts-. Heute fanden hier Pöbel-Excesse gegen die Juden statt. Es kamen Verletzungen durch Steinwürfe vor. Militär-Patrouillen stellten die Ordnung wieder her. Das Nähere hierüber bringt die „Gen. Eorr.": „Ein empörender Exceß fiel hier heute Nachmittags vor. Banden von meist polnisch gekleideten und durchschnittlich 10 bis 15 Jahre zählenden Jungen, denen sich übrigens auch eine Anzahl älterer Burschen und Dirnen der untersten Klasse anschloß, unternahmen eine großartige Judenhetze, vorzugsweise in der nur theilweise von Juden bewohnten neuen Gasse und Wallgasse und in den anstoßenden Gassen. Besonders ein Haus lNo. 352, Stadt, in der Wallgasse gelegen) war das Object ihrer Wuth; in diesem zweistöckigen Hause wurden sämmtliche Scheiben der Frontsenster mit Steinen eingeworfen, wobei man bemerken konnte, wie auch ältere Personen, statt abzumahnen, die Sache als einen guten Spaß zu betrachten schienen. Vor den herbeigerufenen Militär- Patrouillen ergriff das Gesindel die Flucht, kehrte aber immer wieder, so daß zuletzt vor dem erwähnten Hause ein starker Militärposten aufgestellt werden mußte. Auch in anderen Häusern wurden Scheiben eingeworfen und mehrere Personen mit Steinwürfen angegriffen, was auch einige Verletzungen zur Folge gehabt haben soll, doch ist darüber noch nichts Gewisses bekannt; in Folge 33