Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1863-08-11 · Heft 33 (11.8.1863) · p. Seite 500

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
27 (1863)
Issue
Heft 33 (11.8.1863)
Date
1863-08-11
Page
Seite 500 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3226364-3226398--21447-3301356
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

500 WaS wird aber hierin einen wesentlichen Unterschied ausmachen? Nichts Anders als: ob eine Religion Glauben lediglich aus der Glaubwürdigkeit heraus fordert, die sie den ursprünglichen Ueberlieferern ihrer Glaubenssätze beilegt, auch wenn diese letzteren dem Verstände und den Gefühlen widersprechen und darum jeder Prüfung durch unsere Wahrnehmungen und Schlüffe sich entziehen müssen — oder ob eine Religion diese Forderungen nicht stellt, ihre Glaubenssätze dem Verstände und den Gefühlen nicht widersprechen und darum einer Prüfung sich willig unterziehen. In dem ersteren Falle wird die Religion sich im Widerspruch mit dem Verstände und dem Herzen befinden, also mit dem ganzen Wesen des Menschengeistes, und ein unbedingtes, oder wie man zu sagen pflegt, blindes Glauben erfordern. Es wird sich wohl auch finden, daß dann die einzelnen Personen innerhalb dieser Religion für sich unterscheiden, was in ihr mit ihrem Verstände und ihrem Herzen übereinstimmt, und was diesen widerspricht, jenes verwerfen, dieses annehmen. Nach diesen Voraussetzungen prüfen wir einmal genauer, waS für Glauben das Judeuthum und was für Glauben das Christenthum fordert. Die h. Schrift Israels stellt als höchste Forderung auf: „Und nun, Israel, was fordert der Ewige, dein Gott, von dir? Daß du Ehrfurcht habest vor dem Ewigen, deinem Gotte, in allen seinen Wegen wandelst, ihn liebest und ihm dienest mit ganzem Herzen und mit ganzer Seele." Hierin wird also keine Forderung des Glaubens aufgestellt, sondern die Ehrfurcht vor und die Liebe zu Gott und die Verwirklichung und Bethatigung dieser in Wort und Werk. So findet sich denn auch das Wort „Glauben" nur wenige Male, und zwar bei speciellen Verheißungen und Gefchehniffen, wo hingegen „du sollst erkennen" und „du sollst dir zu Herzen nehmen" sehr oft vorkommt. Die h. Schrift fetzt den Glauben an das Dasein Gottes voraus uud beginnt daher mit, den Worten : „Im Aufaug schuf Gott den Himmel uud die Erde." Sie setzt diesen Glauben voraus, weil sie ihn bei allen Völkern und Menschen vorfand, weil er demnach dem Verstaube uud Gefühle des Meuschen nicht widerspricht, sondern zum eigentlichen Wesen des Menschen gehört. Die h. Schrift laßt sich also auf Beweise für das Dasein Gottes gar nicht ein, sondern ihre Aufgabe ist nur, gegenüber den Berwirruogen des Heidenthums, den rechten und wahren Begriff von Gott bestimmt und ausführlich zu lehren und die daraus consequent erfließendeu Gesetze der Sittlichkeit für den Einzelnen wie für die ganze Gesellschaft aufzustellen. Die h. Schrift überläßt es also der Philosophie, wie diese mit den Beweijen für das Dasein Gottes fertig wird, sie sich construirt oder nicht; sie selbst aber stellt den rechten und wahren Inhalt des Begriffes von Gott auf dem ewigen Grunde des Glaubens an Gott fest. Diese Lehre von Gott widerspricht nun in keinerlei Weise unserem Verstände und Herzen, und überlaßt sich daher auch willig der weiteren Prüfung unserer Vernunft. Immer den Glauben an Gott vorausgesetzt, kann ein Widerspruch oder eine Nichtübereinstimmung mir dieser Lehre von einem einzigen, unkörperlichen, unendlichen, allmächtigen, ewigen, allgütigen, allgerechten und allbarmherzigen Gotte, Schöpfer der Welt, Vorsehung uud Vergeltung in der Meuschenwelt, von nuferer Vernunft nicht gefunden werden. In gleicher Weise spricht der Talmud den Grundsatz aus, daß ein Jude, so lange er den Satz: Höre, Israel, der Ewige, unser Gott, der Ewige ist einzig" bekennt, durchaus als Jude anzusehea ist. Wie er sich auch in jeder andern Beziehung zum Iudenthume verhalte, kann er mehr oder weniger ein gerechter und ftommer oder ein sündiger Jude sein, aber dem Iudenthume gehört er an. Also auch hier wird nur der Glaube an Gott vorausgesetzt. Jndeß ist doch noch ein zweiter Glaubenssatz, deu die Schrift präsumirt. So einfach, wie sie mit ihrem ersten Worte die Schöpfung der Welt durch Gott ausspricht, ebenso einfach sagt sie: Gott sprach zu Adam, Noah, Abraham u. s. w., redete vom Sinai zu dem versammelten Volke Israel, und das Wort Gottes kam zu dem und dem Propheten. Sie setzt also die unmittelbare Offenbarung Gottes an hierzu berufene Menschen ebenfalls als Glauben voraus, und giebt nur hier und da einen Wink, wie man sich die Offenbarung zu denken habe. Die h. Schrift spricht nirgends aus, daß ihr gesammter Inhalt Wort für Wort von der Genesis bis zur Chronik unmittelbar von Gott herrühre, wohl aber, daß die Lehren Mosis und der Propheten diesen göttlichen Ursprung haben. In der talmudisch-rabbinischen Epoche ging man hierin nun weiter, nahm die ganze Bibel und Alles, was darin enthalten ist, als von Gott unmittelbar herrührend an, so daß nicht blos die prophetischen Reden und Aussprüche aus Gott unmittelbar erstoffen, sondern auch der geschichtliche Theil und die Hagiographen von einem „heiligen Geiste" m->) eingegeben seien, ja, daß es auch Traditionen gebe, welche

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.