Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 27 (1863)
- Issue
- Heft 30 (21.7.1863)
- Date
- 1863-07-21
- Page
- Seite 454 (sequence 2)
- Language
- German
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454 aber dafür der Theologe unserer Zeit kein Aequivalent und findet er, abgesehen von seiner eigentlichen Berufsthätigkeit, auch auf dem talmudischen Gebiete keinen Ersatz? Wir sollten es meinen. Denn gerade in dem, was ihm das ausschließliche Studium des Talmuds unmöglich macht, findet er die Mittel, um jenes Studium fruchtbarer und erfolgreicher zu machen. Die wissenschaftliche Bildung und Behandlung führt unmittelbar zu einem geschichtlichen und systematischen Studium, das viel schneller zum Ziele führr und erfolgreiche Resultate schafft, die der enormsten Detailkenntniß nicht gelingen. Unsere Väter hatten von der Geschichte des Judenthums, von der Geschichte des Aalmuds und der rabbinischen Literatur keine Ahnung, und der große Gang der Entwicklung, der auch auf diesem Boden stattfand, war ihnen verschlossen. Ihnen erschien Talmud und Rabbinismus wie ein großes Meer, in welchem Welle bei Welle, Tropfen bei Tropfen, und auf dem fie ohne Compaß und Steuer umherfuhren, während jene in der That eine große Landschaft mit Höhen und Tiefen, mit Gebirgszügen, Waffergebieten und Ebenen bilden, über welche eine genaue Uebersicht zu gewinnen ist, durch die das Ganze erst wirklich nutzbar gemacht wird. In der That hat denn auch das wissenschaftliche Studium der talmudisch-rabbinischen Literatur Früchte getragen, welche stch vom objectiven Standpunkte aus mit den hallachischen Arbeiten unserer alten rabbinischen Heroen durchaus messen können. Die Werke von Zunz, Jost, Frankel, Grätz, Munk, Herzfeld, Geiger, Fürst, Dukes, Steinschneider, Fasset u. A., mögen sie auch aus einer weniger vollständigen Detailkenntniß hervorgegangen sein, haben durch die wissenschaftliche, systematische und historische Behandlung ihres Stoffes die bedeutendsten Erfolge erzielt, und denken wir uns diese Bestrebungen so lange fortgesetzt, wie unsere Väter die talmudisch-rabbinische Literatur anbauten, so wird eine wissenschaftliche Durcharbeitung des großen Materials bis ins äußerste Detail nicht aus bleiben können, und sowohl die geschichtliche als die theoretische Erkenntniß den ganzen Stoff sammt der Form überwältigt haben. Wie aber im großen Ganzen, so verhält es stch auch mit dem Jünger der jüdischen Theologie unserer Zeit. Die anwachsenden wissenschaftlichen Bearbeitungen machen es ihm leichter, sich ohne das umfassende Detailstudium eine schöne Kenntniß der einschlagenden Disciplinen zu verschaffen, und die wissenschaftliche Methode, die ihm durch seinen Studiengang zur Natur geworden, macht es ihm möglich, nach jeder Richtung hin sicher und leicht seinen Weg zu verfolgen, die Sprache zu erlernen, überall zu wissen, wo er Etwas zu suchen habe, und so vorkommenden Falls sich zu ergänzen, was ihm fehlt. Es liegt in der Natur unserer Bildung, sich vielmehr ein encyclopädisches Wissen anzueignen und von hier aus jeden Detailzweig zu verfolgen, diesen aber so in seinem Zusammenhänge und geistigen Inhalte aufzufaffen und zum Verständniß zu bringen, als sich auf ein kleines begrenztes Gebiet zu beschränken. Nur das Vorurtheil kann den Vorzug jenes Standpunktes vor diesem verkennen; und wenn wir auch nicht leugnen wollen, daß hier oft und bei Bielen die Gefahr der Oberflächlichkeit droht, so bringt doch wiederum hiergegen der wissenschaftliche Geist der Gesammtheit das Correctiv herbei, indem keine Leistung Anerkennung findet und behält, die der Gründlichkeit entbehrt. — Sehen wir nun gar auf die praktische Seite der Sache, so ergiebt sich einerseits, daß ein großer Theil des talmudischen und rabbinischen Wissens gar keine praktische Bedeutung mehr hat, da selbst in orthodoxen Gemeinden nichts weiter für den Rabbinen erforderlich ist, als eine genaue Kenntniß des Gebets- und Speiserituals und des Ehegesetzes und was damit zusammenhängt. Das weitere große Material hat nur historischwissenschaftlichen Werth, ist somit für die Geschichte und Wissenschaft nicht entbehrlich, wohl aber für die Praxis. Andererseits vermag der jetzige Theologe auch bei geringerem talmudisch-rabbinischen Wissen, als seine Borfahren besaßen, dieses für das praktische Leben mehr nützlich zu machen und zu verwerthen, als es jenen mit ihrer umfassenden Detailkenntniß möglich war, weil ihn hierzu seine wissenschaftliche Bildung fähiger macht, und weil seine praktische Thätigkeit in unserer Zeit ein größeres Feld! hat, und viel mehr gefordert wird. Es erscheint uns daher völlig unbegründet und ungerechlfertigt, wenn jenes an sich richtige Urtheil als eine Klage und Anklage auftreten will. Alles ist gut zu seiner Zeit, sagt der weise Prediger. Ebenso wie in der Vergangenheit eine wissenschaftliche Bildung den Rabbinen nur unglücklich und untauglich gemacht hätte, so würde dies in unserer Zeit mit dem Rabbinen der Fall sein, der sich ein großes talmudisches Wissen beim Mangel aller profanen und wissenschaftlichen Bildung angeeignet hätte. Seien wir billig und würdigend nach allen Seiten hin, und wie gerade die wissenschaftlichen Theologen unserer Zeit jene Verachtung des Talmuds und Rabbinismus, die auch bei deu Juden nur allzusehr Platz gegriffen hatte, beseitigt haben, so können wir mit