Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 27 (1863)
- Issue
- Heft 29 (14.7.1863)
- Date
- 1863-07-14
- Page
- Seite 449 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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449 eS sich bei ihr diesmal weniger um die Personen als eine Demonstration für den Grundsatz der Toleranz und einer freien Lebensanschauung handelte. — Bern, im Juli. (Aar. Nachr.) Der Bundesrath hat zum 10. Telegraphisten in Genf den so eben aus dem Telegraphistencurse ausgetretenen M. Dreifus, Sohn des Lehrers Dreifus, von Endingen ernannt, unseres Wissens, nächst Herrn Dr. Hirsch in Neufchatel, den ersten Israeliten, der ein eidgenössisches Amt bekleidet. Bern, 2. Juli. (Privatmitth.) Die Aargauische Judenfrage ist seit gestern wieder in ein anderes Stadium getreten. Der Bundksrath hat den ersten Schritt zum energischen Handeln gethan und vorläufig die Aargauische Regierung zur Berichterstattung ausgefordert. Die Angelegenhett wird nun bald vollständig erledigt werden. Amerika. New-Orleans, im Juni. Die Zustande in Nordamerika sind jetzt von der schrecklichsten Art. Unsere Glaubensgenossen theilen den Fanattsmus und die Geschicke beider Parteien. New-Orleans ist jetzt in den Händen der Unionisten. Ein Bild der dorttgen Verhältnisse giebt uns folgender Artikel, den wir dem Jew. Chron. entlehnen. Dieses sagt: Der beifolgende Auszug eines Briefes, welchen ein jüdischer Herr in London empfing, ward uns zugesandt. Wir veröffentlichen denselben, da das traurige Schicksal der Verbannung auch eine große Anzahl unserer Glaubensgenoffen bettoffen hat. In der That ist der Schreiber des Briefes selbst, wie aus dem Jnhatt hervorgeht, ein Glaubensgenoffe. New-Orleans, 30. Mai 1863. „Ich habe ttaurige Nachrichten mitzutheilen. Ich weiß kaum, wie ich von dem Gegenstände beginnen soll, denn ich fürchte, es wird Ihnen viel Kummer und Sorge beretten; es ist jedoch Gottes Wille und muß geschehen. Durch eine neue Ordre des unionistischen Befehlshabers dieser Provinz ist allen denjenigen Personen, welche der Regierung der Vereinigten Staaten ihren Bürgereid nicht erneuert haben, anbesohlen, die Grenzen der Provinz zu verlaffen; und da ich Einer von den 20,000 bin, welche fort müssen, sehe ich mich leider genöthigt zu sagen, daß dies mein letzter Brief sein wird, bis Gott mtt gestattet, Ihnen von wo anderwärts aus zu schreiben. Ich kann keinen Meineid begehen, ich kann nicht Seele und Gewissen verkaufen und bin bereit, die Liebe zu meiner eignen Familie und die, welche ich für Sie.und die Ihrigen empfinde, zum Opfer zu bringen, ehe ich einen Grundsatz der Ehre preisgebe. Ich habe bei dem allmächtigen Gott geschworen, meinem Vaterlands beizustehen und dasselbe, wenn es nöthig ist, zu vertheidigen, und dieser Schwur ist im Himmel verzeichnet und Niemand kann mich tadeln, wenn ich ihn heilig halte. Sie haben keinen Begriff davon, wie viele, viele Tausende auf diese Weise aus ihrer Heimath vertrieben werden. Beinahe die ganze jüdische Bevölkerung wandert täglich aus, und zwei Dritttheile der Portugiesischen Gemeinde, ihren Rabbiner, den Doilos Gutheim an der Spitze, sind ausgewandert. Jene (die Conföderirten) gestatten uns, uns mit Lebensmitteln für 10 Tage zu versehen und unsere gettagenen Kleidungsstücke zu behalten, confisciren dagegen alle Wirthschastsgeräthe, Land, Häuser, Eigenthum aller Art, baares Geld u. s. w. Meine theure Mutter wird mit meinen Großeltern dortbleiben und dem Befehle Folge leisten. Die Noth zwingt sie; denn wenn ich die Mittel dazu hätte, sollten sie nicht unter der Herrschaft der Iankees leben. Sie haben keinen Begriff davon, wie unser Volk hier verfolgt wird. Sie dürfen kein Wort sprechen, ohne verhaftet und in ein Gesängniß oder in eine Festung geschleppt zu werden. Niemals in der Geschichte der Menschheit ist der Despottsmus mtt so unmenschlicher Grausamkeit an einem fteien, civilisirten und erleuchteten Volle ausgeübt worden, wie es jetzt an unserem Volke geschieht, von jenem verfluchten Stamme, welcher jetzt hier die Gewalt hat. Dieser Ktteg ist der schrecklichste, welcher je in der Wett geführt worden ist, und der Norden wird eines Tages, so hoffe ich zu Gott, die Vergeltung empfangen, welche chm gebührt. Ich darf wohl sagen, sie sollen empfangen. was sie verdienen. Es ist hart, diejenigen zu verlaffen, welche wir so innig lieben, aus unserer Heimach verbannt zu sein und in das Exil zu wandern, ohne eine der Regierung zuwiderlaufende Handlung begangen zu haben. Die Iankees haben die gewaltthättgsten Mittel angewendet, um das Doll zu bekehren; es ist chnen jedoch mißglückt, wir stehen fest zu unserem Lande und haben ihnen bei jedem Versuche Widerstand geleistet. Sie reden von Union! Niemals kann eine Union be- 29**