Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 27 (1863)
- Issue
- Heft 29 (14.7.1863)
- Date
- 1863-07-14
- Page
- Seite 441 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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441 fühle», und das Bedürfniß nach selbst- und tiefgefühltem Gebete nicht befriedigt finden. Eine bloße Uebersetzung des Gebetbuches, deren wir jetzt so viele und vorzügliche besitzen, genügt ebenfalls nicht. Denn die alten Gebetstücke sind zum größten Theile Aussprache des allgemeinen israelitischen Religions- und Nationalmomentes, ergehen sich in hundertfältigen Wiederholungen, sprechen Dogmen aus, die, wie sie auch von der Theorie verschieden beurtheilt werden, in der Geistesrichtung unserer Zeit Widerstand finden, darum im Gebete ihren Platz nicht mehr haben, und befriedigen viele Beter darum nicht, weil sie von den persönlichen Beziehungen des Individuums, von dem, was sein Herz erfüllt und bedrängt, zu wenig enthalten. Alles dies findet seine Anwendung noch mehr auf die häusliche Andacht. Aus diesen Gründen wird man noch immer lieber zum hebräischen Texte, selbst ohne Verständniß greifen, als sich mit der deutschen Uebersetzung begnügen. Demungeachtet halte ich es für einen Fehlgriff, wenn man dem jüdischen Beter ein neues, selbstverfertigtes Gebetbuch bieten wollte. Das Gebet muß nun einmal auf dem geschichtlichen Boden der Religion erwachsen sein; es muß dem Beter das Gefühl einflößen, daß er sich auf diesem befinde; das Band zwischen dem öffentlichen Gottesdienste und dem Gebete darf nicht zerrissen sein, und nur da, wo eine ganz persönliche und zeitliche Veranlassung für das besondere Gebet vorhanden ist, darf es selbstständig auftreten. Auch gilt es ja, das zu erreichen, daß der einzelne Beter auch während des öffentlichen Gottesdienstes sich eines solchen Gebetbuches bedienen könne, welches ihm die oben gezeichneten Mißstände hinwegräumt und ihm zu wahrhafter Andacht und Herzenserhebung Gelegenheit bietet, ohne aus dem Zusammenhänge mit dem öffentlichen Gottesdienste, wenn er ihm beiwohnt, zu kommen, so daß er diesem immer wieder folgen könne. Endlich enthält unser altes Gebetbuch, abgesehen von dem, was wir oben bemerkt haben, einen großen, herrlichen Gebetstoff, so vielen Ausdruck der höchsten, innigsten und tiefsten Ueberzeugung, daß er zu keiner Zeit vernachläfstzt werden darf, wenn wir nicht in dieser Beziehung einen großen Verlust erleiden wollen. Aus diesen Ansichten, die sich mir aus treuer Beobachtung und sorgfältig gesammelter Erfahrung gebildet haben, ist daS folgende Gebetbuch entstanden. nicht um es zum öffentlichen Gottesdienste darzubieten, sondern um es dem Einzelnen zum Gebrauche während desselben und zur häuslichen Andacht in die Hand zu geben. Es werden in demselben die rituellen Gebetstücke überall vorangestellt, jedoch weder in ihrem ganzen Umfange, noch in wortgetreuer Uebersetzung, vielmehr mit Auslassung der Stücke, welche theils jetzt nicht mehr passend, theils, um die allzugroße Ausdehnung deS Gottesdienstes und die zu häufige Wiederholung desselben Gedankens zu vermeiden, überflüssig erschienen, und in freier Bearbeitung der beibchaltenen Stücke. Iedennoch ist hierbei der ganze Gang und Verlauf unseres Gottesdienstes getreulich verfolgt worden, und durch die Angabe des hebräischen Anfangswortes jedes Stuckes am Rande das Hineinsinden in den öffentlichen Gottesdienst erleichtert. Auch sind die hervorragenden Stellen im unveränderten hebräischen Texte eingeschaltet. An diesen rituellen Theil nun schließen sich die besonderen Andachten, Betrachtungen und Gebete, welche für alle die verschiedenen Lagen und Verhältnisse des Lebens und der Individuen geeignet sind, sowie auch die Fest- und besonderen Tage mit ihrer Bedeutung, ihrem Gedankeninhalte und ihren religiössittlichen Motiven beleuchten. Auf diese Weise suchten wir die beiden Bestimmungen des öffentlichen und privaten Gebetes, die beiden Beziehungen zum allgemeinen jüdischen Bekenntniß und zum Herzensbedürfniß des Einzelnen zu vereinigen. Man erkennt hieraus, daß wir mit diesem Gebetbuche Nichts verdrängen und Nichts beseitigen, mit keinem der vorhandenen concurriren und Niemandem ein neues Gebetbuch octroyiren, sondern ein solches nur denen bieten wollen, welche nach der gezeichneten Richtung hin ein aufrichtiges Bedürfniß haben. Wir wollen durch dasselbe ganz besonders dem häuslichen Gottesdienste zu Hülfe kommen, der im Judenthume ein so wesentliches Moment ist, und der in unserer Zeit so sehr darniederliegt. Andererseits glauben wir in diesem Gebetbuche der Mit- und Nachwelt innerhalb und außerhalb unserer Kreise ein Zeugniß abgegeben zu haben, was und wie eigentlich die Juden unserer Zeit in religiöser und sittlicher Beziehung denken und fühlen. Das Gebetbuch wird drei Abtheilungen umfassen: 1) die Wochentage (einschließlich den Neumondstag, die zehn Bußtage, Chanukkah, Purim und Thischea 22*