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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1863-06-30 · Heft 27 (30.6.1863) · p. Seite 420

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
27 (1863)
Issue
Heft 27 (30.6.1863)
Date
1863-06-30
Page
Seite 420 (sequence 12)
Language
German
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420 Wenn weder von Oben noch von Unten Hülfe komme, so müffe man sich selbst zu helfen suchen. Die Hauptaufgabe sei, die lebenslängliche Anstellung zu erzielen. Ohne diese sei keine berufs freudige Lehrerthätigkeit zu denken, da die beruhigende Aussicht auf das spätere Leben fehle; denn welche befähigten Köpfe bestimmen sich zum aussichtslosen Lehrerstande? Daher der Mangel an tüchtigen Lehrern, der von Jahr zu Jahr fühlbarer werde. Die Zeit sei vorüber, wo jeder verkommene Handelsmann, jeder hergelaufene Pole Lehrer werden könne. Der Lehrer müsse sich jetzt tüchtige Kenntnisse auf vielen Gebieten des Wissens sammeln. Zu den gesteigerten Anforderungen und Pflichten müssen aber auch die Aussichten und Rechte im Verhältnisse stehen. Bei dem häufigen Wechsel können die Erfolge nur sehr mangelhaft bleiben. Der abhängige Lehrer getraue sich nicht, in seiner Schule tüchtig durchzugreifen und die Aussicht auf mögliche Entlassung übe einen lähmenden Einfluß auf seine Wirksamkeit, wogegen der festangestellte Lehrer sich mit seiner Schule identificire. Der Grund gegen feste Anstellung wegen künftiger event. Belastung der Gemeinde mit Witlwe und Waisen sei durch die nunmehr bestehende Unterstützungskasse gefallen und bilde nur einen die Gemeinde wenig ehrenden Vorwand, um die Herrschgier gewisser Vorstände zu bemänteln. Wohl möge die Gemeinde Autonomie in Sachen der Schule und des Lehrers üben, aber keine unwürdige Autokratie. Der Staat stellt hunderttausend Beamte und viele tausend Lehrer an, aber nur definitiv; auch die größeren Gemeinden lassen sich auf provisorische Anstellung nicht ein. Redner macht den Vorschlag, die Lehrer Rheinlands und Wefiphalens sollen sich dahin vereinigen, daß sie, wenn sie an einer Schule drei Jahre pflichtgetreu gewirkt und somit als fähige Lehrer anerkannt dastehen, niemals eine andere Stelle annehmen, als nur eine definitive. Haben die Lehrer durch gegenseitigen Handschlag sich dahin vereinigt, so werden die Gemeinden gezwungen sein, zur definitiven Anstellung zu schreiten. Eine Zahl von 40, d. h. tüchtigen Lehrern, die diese Verpflichtung übernehmen, genüge schon. Alle Vernünftigen werden sich anschließen, die anderen Subjecte seien nicht zu fürchten. Wir leben in einer Uebergangsperiode, wo es der Charakterfestigkeit, der sittlichen Würde und der ganzen Energie bedürfe, um in die neue Zeit überzugehen; nur Männer, welche diese Festigkeit besitzen und sie rechtzeitig bethätigen, werden das Ziel erreichen. — Der Vorsitzende spricht dem allverehrten Gaste den Dank der Conferenz aus für die geistvollen Worte und 'ein Interesse an unseren Angelegenheiten und empfiehlt den Vorschlag selbst einer reiflichen Ueberlegung. Der zweite Conferenztag begann mit der statutenmäßigen Neuwahl des Vorstandes und wurde denn der seitherige mit fast Stimmeneinhelligkeit wiedergewählt, eben so fand die Bestätigung des Rendanten Statt. Nachdem dies erledigt, fordert Dr. Philippson die Versammlung auf, ihre Ansichten resp. Erfahrungen in Betreff der Schul-Jnspection christlicher Geistlichen mitzutheilen, zu welcher Frage eine Petition aus Birnbaum und darauf bezügliche Verhandlung im Abgeorvnetenhause (Siehe A. Ztg. d. I. No. 21) die Veranlassung bot. Im Allgemeinen gilt hier: Zu Schul-Änspectoren eignen sich nur durchgebildete, sach- und fachkundige Männer. Sind es zugleich Geistliche, tant mieux. Aber nicht: Geistliche, wenn sie auch noch wenig vom Schulwesen verstehen und darum noch so wenig Herz für dasselbe haben. Der Schul -Jnspector soll ja nicht den Ankläger der Volksschule bilden, sondern ihren natürlichen Beschützer und Vervollkommner. Die mitgetheilten Erfahrungen stimmen darin überein, daß der Einfluß der christlichen Geistlichen in den jüdischen Schulen unserer Provinzen durchgehends ein guter, ihr Verhältniß zu Schule und Lehrer überall ein humanes ist, und daß von nachtheiliger Einwirkung auf den Religionsunterricht oder gar von Bekehrungseifer sich nirgends eine Spur gezeigt; andererseits fei von der Influenz der jüdischen Geistlichen auf unsere Schulen — es giebt Ausnahmen und unsere ungetheilteste Hochschätzung diesen Ehrenmännern — nicht eben zu sagen, daß er allgemein stets gut und fördernd gewesen. Als Resultat der langen und vielseitigen Discussiou ergab sich: Wenn die Conferenz sich auch grundsätzlich dem allgemeinen Rufe der Zeit und des Lehrstandes „Trennung der Schule und Kirche" anschließt, so sei doch kein Grund vorhanden, direct dahin zu streben, den christlichen Geistlichen die Jnspection unserer Schulen zu entziehen; an den Orten indessen, wo Rabbiner sich vorfinden, haben dieselben eo ipso den Religionsunterricht zu inspiciren. Dr. Philippson spricht seine Freude aus über die „Freimüthigkeit und Ausführlichkeit" bei dieser Debatte, sowie darüber, auch nicht eine Klage gehört zu haben über Uebelstände hinsichtlich der Jnspection christl. Geistlichen gleich denen, die gedachte Petition hervorgerufen.

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