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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1863-06-23 · Heft 26 (23.6.1863) · p. Seite 403

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
27 (1863)
Issue
Heft 26 (23.6.1863)
Date
1863-06-23
Page
Seite 403 (sequence 11)
Language
German
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403 mir nicht gestatte einen Tag länger hier zu bleiben, um dem Leichenbegängnisse beizuwohnen und dem allgemein geachteten Manne die letzte Ehre erweisen zu können. Wie erstaunte ich aber, als ich nach kaum zwei Stunden aus dem Hotel tretend Schaaren von Männern und Weibern vorüberziehen sah und auf mein Befragen erfuhr, daß man sich zum Leichenbegängnisse des eben verstorbenen Rabbiners versammle. Wer nicht wie ich selbst Augenzeuge gewesen, wird es wohl kaum glauben, in einem civilisirten Lande sei noch so viel Rohheit anzutreffen, daß ein allgemein verehrtes und geliebtes Oberhaupt einer nicht unbedeutenden Gemeinde mit einer Hast und mit einer Eile, wie man anderswo an der Pest Verstorbene oder Selbstmörder einscharrt, zu Grabe gebracht werden soll, ein Rabbiner, der dreißig Jahre lang der Gemeinde in Ehren vorgestanden; aber ich sollte bald eine noch bessere Probe Brody's als Civilisation bekommen. Angewidert zwar von solcher Rohheit wollte ich mich darum doch nicht der Erfüllung der traurigen Pflicht gegen den Verstorbenen entziehen. Ich schloß mich den langen Zügen an und kam bald über einen ziemlich geräumigen bereits dicht besetzten Platz bis vor das Trauerhaus, ein unscheinbares Häuschen vis-ä-vis der Synagoge. Als Fremder wollte ich nicht so zudringlich sein, mich in das Trauerhaus einzudrängen und zog es vor, die Zeit zu benutzen, mir das Innere der großen mir als merkwürdig gerühmten Synagoge anzusehen. Aber welches Schauspiel bot sich mir hier dar? Der ganze ziemlich umfangreiche Raum war von unruhig bewegten Männern erfüllt, zwischen welchen sich Einzelne besonders heftig gestikulirend bemerkbar machten, die die Anderen zum Nähertreten, d. h. Bordrängen aufmunterten. In der Meinung, daß hier eine Trauerandacht für den Verewigten abgehalten werden soll, ließ ich mich auch nach dem Mittelpunkte hindrängen, wo auf einer Erhöhung sämmtliche Gemeindevorsteher, an ihrer Spitze ein hoher ältlicher Mann Platz genommen hatten. Letzterer wurde mir von meinem Sicarone als Herr Meier Kallir bezeichnet — der, wenn ich mich recht erinnere, letzthin in einem Wiener Blatte ein Vorkämpfer des Fortschrittes im Judenthume genannt wurde. — Aber nicht um eine Todtenfeier zur Ehre des verstorbenen Gemeindeoberhaupts handelte es sich hier, sondern um den größten Schimpf der — nach meiner Meinung — dem Verstorbenen hätte angethan werden können; man beschäftigte sich nämlich mit nichts anderem, als — mit der Wahl seines Nachfolgers. Während der Todte noch unbeerdigt lag, wurden in der Synagoge kaum 50 Schritte vom Trauerhause Unterschriften gesammelt für die Ernennung eines neuen Rabbiners. So nichtswürdig ein solcher Vorgang jedem Gebildeten scheinen mag, so ist die Erklärung, die mir spater darüber gegeben wurde, noch schmachvoller. Die sogenannte fromme Partei soll nämlich aus Furcht, daß sie, wenn es zu einem Concurs und zu einer Wahl kommen sollte, ihren Candidaten den von der Vergiftung des lemberger Predigers, des sel. Abr. Cohn her bekannten H. Ornstein, nicht durchsetzen werden, oder daß gar die aufgeklärte Partei einen studirten Rabbiner wählen konnten, durch einen Staatsstreich diesem Unglücke haben Vorbeugen wollen. Wenn aber ein solcher Streich in einer so großen Gemeinde gelingen kann, dann war auch die Furcht der Frommen ganz ungegründet. Da giebt es keine „Aufgeklärten" und sie hätten auch später bei einer ordnungsmäßigen Wahl ihren Candidaten der Finsterniß durchgesetzt. Correspondenz. Cöln, 1. Juni 1863. Lonferen; der israel. Lehrer Westphalens und der Rheinprovin; am 27. und 28. Mai. „Pflegen Sie den esprit de corps!" sprach Philippson zum Schluß der vorjährigen Conferenz, und alle anwesenden Lehrer gaben dieser Aufforderung ihre lebhafteste Zustimmung. Der Lehrerstand ist ja ein Ganzes und wird von den Tüchtigsten als eine Einheit betrachtet. Zwar bilden die Lehrer keine Corporation mit bestimmten Rechten; aber jeder hat sich als ein Glied in der großen Kette anzusehen. Alle sollten sich als solidarisch verpflichtet betrachten, die eine große Aufgabe der Bildung und Erziehung unserer Jugend zu tüchtigen, kernigen Menschen, zu wahren Israeliten (ihrem ersten, unentbehrlichsten Fundamente nach) zu lösen. Ein unnützes Glied, ein Lehrer, der nicht mitstrebt, mitwirkt an der Lösung dieser Aufgabe — und koste es auch Opfer — schadet nicht nur sich, er schadet dem ganzen Stande, er hemmt den demselben notwendigen Ausschwung, der 26**

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