Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 27 (1863)
- Issue
- Heft 26 (23.6.1863)
- Date
- 1863-06-23
- Page
- Seite 394 (sequence 2)
- Language
- German
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deren Verwirklichung wir ringen, sind lange vor uns der Menschheit verkündet worden, und wir vermochten den Wahrheiten, die Dohm und Mirabeau, Lefsing, Mendelssohn und Börne ausgesprochen, nichts wesentliches hinzuzusügen. Aber einzustehen sür diese Wahrheiten mit aller Kraft der Ueberzeugung, für ihren endlichen Sieg im wirklichen Leben wirkend zu ringen, unser Denken und Fühlen dem als Recht Erkannten zu weihen, wie wir unter anderen Verhältnissen ihm auch unser Gut und Blut weihen müßten und weihen würden; jeden Posten der Bertheidigung wie des Angriffs einzunehmen, der des Streiters bedarf; die Gegner des Rechts aus jeder neuen Stellung zu vertreiben, in jeden Schlupfwinkel zu verfolgen, jede neue Schlangenwiudung der Lüge zu entwirren — das ist die bescheidenere Aufgabe, die wir uns zu stellen hatten. Aber die Lösung dieser Aufgabe bedarf der Thatigkeit Vieler, des Mitgefühles Aller. Die Literatur muß hier die Stimme des Lebens, der Schriftsteller der Herold der Gesammtheit sein; sein Wort bedeutet Nichts, wenn nicht eine Schaar Milstrebender ihr Empfinden und Wollen in demselben wieder erkennt und es zum Loosuugsworte ihres Wirkens macht. So lassen Sie uns der alten, guten Sache bis zu ihrem endlichen Siege stets neue Kräfte, neues Wollen, neues, ftisch wallendes Blut zur Verfügung stellen; lassen Sie uns den Wahn der Trägheit vermeiden, der Wahrheit und Recht ihrer eigenen Fürsorge überlassen zu können meint, und den Wahn des Dünkels, der es verschmäht, für Ideen in die Schranken zu treten, die in der Theorie Manchen längst schon abgenutzt und abgesprochen erscheinen, während sie im Leben noch so wenig zur Geltung gelangt sind, daß der Kampf um sie noch gar manches reiche, kraftvolle Dasein auszufüllen würdig ist! Daß jene Grundsätze der Gewissensfreiheit, der Gleichheit vor dem Gesetze ohne Rücksicht auf den Glauben, in den letzten Jahren in unserm Vaterlande Fortschritte gemacht, daß sie manchen Sieg errungen haben in den Ueberzeugungen, wer wollte das läugnen? Wer, dem jene Grundsätze am Herzen liegen, wollte sich nicht dessen aus dem Grunde der Seele fteuen! Der ideale Boden, in dem der Baum unserer Freiheits-Hoffnungen seit vielen Jahren wurzelt, fängt jetzt an, unter unseren Füßen Wirklichkeit und Festigkeit zu erlangen; die moralischen und politischen Voraussetzungen, unter denen der Kampf für das gleiche Recht einer unterdrückten Minderzahl erst seine rechte Stellung und Bedeutung gewinnt, fangen an in's Leben zu treten. Ich meine, ohne eine innige, das Volk durchdringende Theiluahme am öffentlichen Leben, ohne einen wirksamen Einfluß der öffentlichen Meinung auf die Gesetzgebung, ohne die Elemente der Ehre und der Humanität, mit denen freisinnige Institutionen, vor den Ohren des Volkes stattfindende Berathungen, die gesetzgebende Gewalt erfüllen, und deren Macht den selbstsüchtigen Geist der Bevorrechtung verscheucht, ohne eine freie Presse, die dem geltenden Unrecht ungehemmt den Krieg erklären kann — ohne diese hohen Güter, die den Werth eines Volkes ausmacheu, fehlt jedem Streben für ein versagtes Menschenrecht die rechte Waffe, mit der es den rechten Kampf beginnen könnte. Als ich vor nunmehr 17 Jahren die Bestrebungen für das Recht der Juden aufnahm, die eine kurze Zeitlang in unserem Daterlande fast geschlummert hatten, glaubte ich mit vielen Tausend Deutschen, die Zeit der Erringung jener Güter sei für Deutschland gekommen, und ich strebte, die Sache, der ich dienen wollte, auf den Boden, den ich gewonnen glaubte, zu stützen, die Forderung des Rechtes für eine ihres Glaubens wegen unterdrückte Bolksklasse dahin zu stellen, wohin sie gehört, wo sie allein siegen, allein mit Ehren i unterliegen kann, in die Reihe der Forderungen für gleiches Recht und gleiche Freiheit für Alle, in die Reihe aller edlen Bestrebungen des Jahrhunderts. Wohl haben einzelne Heuchler der Freisiunigkeit, die da glaubten, der vermeintlichen Selbstsucht der Mehrheit das Recht der Minderheit opfern zu müssen, die Sache der Juden aus der Reihe liberaler Bestrebungen verbannen zu müffen geglaubt; aber die große Mehrzahl fteisiuniger Regungen hat auch in jener Sache die Grundsätze des Rechts, der Freiheit, des Fortschritts erkannt und vertheidigt; und die Männer, die Deutschland verehrt als die Vorkämpfer für seine Zukunft, haben fast ohne Ausnahme auch für jenes gekränkte Menschenrecht die Stimme erhoben. Um so natürlicher war es, daß die Reaction, die abermals mächtig ihr Haupt erhob, auch auf diesem Punkte ihre Macht bewahrte, und daß die Hoffnungen der Juden noch einmal das Schicksal der Hoffnungen Deutschlands theilten, unerfüllt zu bleiben. Ich brauche die neueste Thatsache nicht zu neunen, die den einen, wie den anderen Hoffnungen einen neuen Aufschwung gegeben, die eine so große moralische Macht, eine so einstimmige Ueberzeugung eines ganzen Volkes auf die Seite des Fortschritts, der verfassungsmäßigen Freiheit, wie der Gewissensfreiheit, gestellt hat, daß au ihrem Siege kein