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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1863-06-09 · Heft 24 (9.6.1863) · p. Seite 366

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
27 (1863)
Issue
Heft 24 (9.6.1863)
Date
1863-06-09
Page
Seite 366 (sequence 6)
Language
German
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36<5 Sehr gut, ja fast mit einer gewissen Vorliebe, ist Sir Moses auf die polnischen Juden zu sprechen und auch hierin zeigt sich die Tiefe seines patriotisch-religiösen Gefühles, daß er die guten Seiten derselben, trotz der mitunter abschreckenden äußeren Formen, nicht verkennt. Unter den Besuchen, die er während seines Aufenthaltes in Pesth von den verschiedenen religiösen Corporationen empsing, erschien auch der Vorstand der polnischen Gemeinde. Sir Moses unterhielt sich mit den Mitgliedern deffelben aufs Freundlichste und Eingehendste, zeigte sich ungemein bewandert in der Kenntniß der Zustände ihres Heimathlandes und spielte dabei sehr oft auf seine Reise in Polen an. Bei dieser Gelegenheit muß ich einer recht bezeichnenden Aeußerung über die polnischen Juden erwähnen, die er dem Fürsten Paskiewitsch nacherzählt. „Ich stellte dem Fürsten vor, wie nothwendig die Errichtung von Schulen für die israelitische Äugend sei. — Bewahre, rief der Fürst lachend, die Juden sind mir schon jetzt zu aufgeweckt (too clever), wie wird cs erst werden, wenn sie was gelernt haben werden." Diese fteilich im Scherze gesprochenen Worte, sind sie nicht charakteristisch und deuten sie nicht die Denkweise Vieler an, auch in westlicheren Landern? — Cardinal Antouelli, den der Baroner bei Gelegenheit seines Besuches in Rom in der Mortara-Angelegenheit kennen lernte, machte auf ihn den Eindruck eines klaren, feinen Kopfes und überlegenen Staatsmannes. Wie Sir Moses zu erkennen glaubte, war der Curie die ganze Sache höchst unlieb und manch unmuthiger Verweis mag den allzueifrigen Subalternen, die dieselbe zuerst angeregt hatten, vom Vatican aus geworden sein. Aber fteilich, einmal geschehen, mußte sie schon ihren Weg gehen und das starre non possumus trat auch da jeder Vorstellung und Vermittelung entgegen. Papst Pius IX. sah Montestore nicht. — Als sich ihm hier in Pesth eine Deputation der altorthodoxen, den Cultus-Neuerungen schroff entgegenstehenden Partei vorstellte, äußerte Sir Moses, die Uneinigkeit und die Zwistigkeiten im Schooße der Zudenheit seien sein größter Schmerz und er ermahnte die Deputation, die ihn an das Schisma erinnerte, zur Versöhnung und Eintracht. Wie er so dastand und diese Worte sprach, gemahnte es mich an die edle Figur des Schiller'schen Attinghausen: „Seid einig, einig, einig!" Wie erwähnt, war der Baronet von Seiten seiner jüdischen Glaubensgenossen zu Pesth Gegenstand der Bewillkommnung und vieler Aufmerksamkeiten. — Unter den ihm überreichten Adressen zeichnete sich besonders aus die des hiesigen magyarisch-israelitischen Vereins, vorgetragen durch Herrn vr. Pollak in reinem fließenden Englisch, sowie die des Vereins für Verbreitung von Handwerken unter den Israeliten, gesprochen von dessen Präsidenten, Herrn Meru, in französischer Sprache. Sir Moses beantwortete alle an ihn gerichteten Reden mit warmen, passenden, obgleich in Anbetracht seiner körperlichen Schwäche, kurzen Worten. Ohne ein Redner im eigentlichen Sinne des Wortes zu sein und je in großen öffentlichen Versammlungen das Wort ergriffen zu haben, besitzt Sir Moses Montefiore jenes gewisse Talent (ich möchte es Herzensberevsamkeit nennen), welches stets die treffendsten Worte zu finden weiß und darum die Herzen der Zuhörer ergreift. Es ist unbestreitbar eine angeborene Eigenschaft, doch spricht sich darin sowohl der Einfluß seines großen Heimathlandes, wie die Uebung des Mannes aus, der es gewöhnt ist, vor den Mächtigen der Welt zu erscheinen und stets im Namen großer Interessen das Wort zu fuhren. Eine politische Rolle wollte Montestore nie spielen, obwohl ihm ein Sitz im Parlament zu verschiedenen Malen und von mehreren Seiten angetragen. Sein einziger Ehrgeiz bestand darin, Präsident des „board“ für Verfechtung der Interessen englischer Israeliten zu sein und dieses Amt mit unnachahmlicher Würde und Energie zu bekleiden. Dies ist der ungewöhnliche Mann, den ich in zwei unvergeßlichen Tagen meines Lebens kennen zu lernen das Glück hatte. Interessant und merkwürdig wegen feiner vielen Erlebnisse in einem langen, bewegten Leben, während dessen er mit den meisten Potentaten und hervorragendsten Männern des Jahrhunderts in Berührung kam; ehrwürdig und bewundernswerth wegen eines unübertrefflichen Adels der Gesinnung und der Ziele seiner Thätigkeit; theuer seinen Glaubensgenossen und unsterblich wegen der mächtigen, wirksamen Abhülfe, die er ihren Leiden in den verschiedenen Ländern geleistet. „Denn wer dem Besten seiner Zeit genug „Gethan, der hat gelebt für alle Zeiten." Gott schenke dem edlen Greise noch viele frohe Tage und möge er lange auf seine große Vergangenheit zurückblicken. Uns aber, die wir kaum an die Höhe seines Strebens hinanreichen können, uns fei die Laufbahn des Sir Moses Montestore eine Lehre, daß es noch andere

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