Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 27 (1863)
- Issue
- Heft 23 (2.6.1863)
- Date
- 1863-06-02
- Page
- Seite 356 (sequence 12)
- Language
- German
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356 chen versucht, so daß die geängstigten Bewohner des Hauses jeden Augenblick das Aergste zu gewärtigen hatten, was wohl auch eingetroffen wäre, hätte nicht der Ortsrichter Martin Schwab, in unerschrockener Uebung seiner Pflicht, sich der bedrängten Familie angenommen und weiteren Ausschreitungen Einhalt gethan, wofür ihm die ganze Familie lebenslang zu Danke verpflichtet bleiben wird. Kaum waren diese Ausschreitungen zur Kenntniß der Comitats-Behörde gelangt, als auch von Seiten derselben die energischesten Maßregeln zur Ahndung der verübten Vergehung angeordnet wurden. Warschau, im Mai. Hier unterblieb die Wahl des jüdischen Gemeinde-Vorstandes, weil das geheime revolutionäre Comite alle Wähler mtt den schwersten Strafen bedrohte. Correspondenz. Zur Serlincr Vrgclfrage. Berlin, im April. Es ist nun entschieden, daß die neue Synagoge der Berliner Gemeinde eine Orgel erhalten wird. Hierdurch ist ein großer Schritt vorwärts gethan in der Hebung unseres Gottesdienstes, und Jeder, welcher für die Sache des Judenthums ein warmes Herz hat, wird diese Entscheidung steudig begrüßen und sich sowohl den Mitgliedern als den Führern der Berliner Gemeinde, welche zum Siege in dieser wichtigen Sache beigetragen haben, dankbar verpflichtet fühlen. — Je größer aber unsere Freude über den Sieg ist, um so ernster Müssen wir über die Benutzung deffelben Nachdenken. Thun wir dies, so werden wir zu der Ueberzeugung gelangen, daß mit dem Orgelbau noch nicht Alles gewonnen ist. Die Orgel ist ein todtes Menschenwerk, stumm und fühllos. Lebendig macht es erst der Geist des Kunstverständigen, der ihm jene erhebende Sprache entlockt, welche die Herzen der andächtigen Gemeinde zu Gott emporträgt, jene begeisternde Musik, zu welcher der Psalmist (Ps. 98) vorahnend^) in den herrlichen Worten auffordert: *) Möglicherweise kannte David oder Salomo die Orgel schon, denn unter den vom Talmud beschriebenen, im Tempel befindlichen Instrumenten wird auch ein Instrument, Magrefa, genannt, das jedenfalls aus vielen Pfeifen nebeneinander bestand, also mit unserer Orgel Brecht aus in jubelerschallende Weisen! Auf, singet dem Herrn mit Citherklängen, Mit Citherklängen und lauten Gesängen, Drommetenschmetternd, posaunentönig Jauchzt vor dem Herrn, dem ewigen König! Wer aber soll in das todte Erz den Geist hineintragen, und welche Sprache soll ihm entlockt werden? oder mit anderen Worten: Wer soll die Orgel spielen? und was soll auf ihr gespielt werden? Das scheinen mir jetzt die wichtigsten Fragen zu sein, deren Besprechung mir um so nothwendiger dünkt, als die Erfahrung uns lehrt, daß die Vernachlässigung dieser Angelegenheit einen schädlichen Einfluß auf die Würde des Gottesdienstes ausgeübt hat. Ohne die Frage, ob es einem Juden gestattet sei, am Sonnabend und an den Festtagen die Orgel zu spielen , vom rituellen Standpunkte *) aus beantworten zu wollen, können wir doch nicht umhin, des eigeuthümlichen, peinlichen Eindrucks Erwähnung zu thun, der uns stets überkommt, wenn wir die Orgel in Synagogen von christlichen Lehrern oder Organisten spielen hören, ein Eindruck, der dem gleichkommt, welchen die Ausführung von Synagogengesängen durch christliche Choristen auf uns hervorgebracht hat. — In welchem Geiste können auch Nichtjuden unsera Gottesdienst begleiten, zur Hebung eines Gottesdienstes beittagen, für den sie weder Sinn noch Berständniß ha. ben, und dessen Tiefen ihnen wegen ihrer ganzen Gefühls- und Denkrichtung verschlossen sind! Ja, kann überhaupt von einem geistvollen Spiele die Rede sein bei Solchen, die nur um des Soldes willen eine Arbeit thun, und, indem sie dieselbe vollbringen, kein anderes Ziel haben, als sie eben nur vollbracht zu haben? Es wird Nichts übrig bleiben, als das rein Mechanische und selbst dieses wird in seiner Präcision gefährdet sein, da Theilnahmlosigkeit sehr leicht Ermüdung und Ueberdruß zum Gefolge hat. Man könnte den Einwand machen, daß das Interesse an der Kunst im Allgemeinen dem Künstler die nothwendige Begeisterung verleihen kann, unv daß ein achter Jünger der Musik jede gute Com- Aehnlichkeit gehabt haben muß. Bergl.: A. I. L. Saalschütz, Geschichte und Würdigung der Musik bei den Hebräern. (Anhang.) *) Philipps»« bejaht diese Frage in seinem Gutachten über die Zulässigkeit der Orgel in der Synagoge und belegt sie mit Stellen aus Orach Chajim. S. Allg. Zeitg. d. Judenth. No. 48, 1861.