Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 27 (1863)
- Issue
- Heft 23 (2.6.1863)
- Date
- 1863-06-02
- Page
- Seite 354 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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354 denselben ergehen. Auch angesehene Männer aus Gemeinden, die nicht zum Königreiche Italien gehören, und die zufällig Geschäfte halber in Ferrara sich befanden, wohnten, wiewohl ohne Stimme, der Versammlung bei und bereicherten dieselbe mit ihren Ansichten und Erfahrungen. Eine stattliche Zusammenkunft, welche zur Hebung des Gemeinsinnes nicht wenig beitragen wird. In den ersten Paar Tagen wurden 6stündige Sitzungen gehalten. Zum Vorsitzenden wurde einer der Directoren des „Educatore Israelita“, der wackere Professor Giuseppe Levi erwählt. Genaueres baldigst. Wahrhaft erfreuend ist es, aus Berona zu vernehmen, mit welcher unparteiischen Zuvorkommenheit das k. k. militärische Ober - Commando seit zwei Jahren die Abhaltung des Pessach-Festes den Soldaten israel. Glaubens ermöglichet, und durch Beisteuer an Geld und anderen Mitteln hiebei thättg mitwirkt. An vergangenen Ostern haben bis 600 jüdische Krieger in Verona die Feier vorschriftsmäßig in bester Ordnung gehalten. Auch bei Krankheits- und Sterbefällen werden die Soldaten israel. Glaubens ihren anderen Genoffen gleich gehalten und behandelt. In Turin ist in jüngster Zeit ein israel. Kranken- und Bersorgungshaus eröffnet worden, zu deffen Errichtung die fromme Freigebigkeit des vor mehreren Monaten mit Tode abgegangenen Ritters Sinigaglia den Anstoß gegeben hat. Auch bei dieser Gelegenheit hat sich der Wohlthättgkeitssinn der Turiner Jsraeliten- Gemeinde glänzend kund gegeben. Turin, 3. Mai. (Nach den Arch. Isr.) Die traurige Angelegenheit der Frau Del Vecchio ist auch vor das italienische Parlament gebracht worden. Der Abgeordnete Chiaves interpellirte in der Sitzung vom 23. April den Minister Pisanetti in hochherzigen und energischen Ausdrücken. Er betonte das natürliche Recht der Familie, welches das Heiligste und Unantastbarste sei. Er frug, wenn ein Rabbiner mit einem christlichen Kinde so vorgegangen wäre, ob dann wohl der unterste Polizeidiener einen Augenblick angestanden hätte, das Kind seinem Vater oder seiner Mutter zurückgegeben? Wenn die Verfaffung die katholische Religion als die Staatsreligion bezeichne, so heiße dies nur, daß, wenn der Staat einen religiösen Act zu üben habe, er sich dazu der katholischen Kirche bediene. Sollte es mehr bedeuten, so würde es einen vollen Widerspruch in den Principien der bürgerlichen Gleichheit der persönlichen Freiheit und der Toleranz der Culte finden, welche dieselbe Verfaffung proclamirt. Der Staat sei keine Gesellschaft von Gläubigen, sondern ein Verein von Bürgern, gleich vor dem Gesetze, welche Religion sie auch bekennen. Er hoffe, daß der Justizminister sich über das aussprechen werde, was er zu chun gedenke, um die öffentliche Meinung zu beruhigen und den aufgeregten Familien den Frieden zurückzugeben. In seiner Antwort war der Minister sehr schwankend, in seinen Angaben höchst ungenau, doch erklärte er zuletzt, daß die Gewiffensfteiheit das Princip sei, welchem die Regierung und jede Autorität genügen müsse. Damit war die Sache abgethan, und können wir nur hoffen, daß in Zukunft dergleichen Vorgänge sich nicht wiederholen. —. Bekanntlich wurde jüngst in Rom ein alter jüdischer Friedhof aus den ersten Zeiten in einem Privateigenthnm aufgefunden. Herr von Rothschild wollte denselben kaufen — aber die päpstliche Curie untersagte den Verkauf. Ntachtrag. Wernburg, 20. Mai. Die „M. Z." schreibt von hier: Nachdem der Schleswig-Holsteinische Piettsmus, welcher seit ohngefähr zehn Jahren in unserm Lande wuchert, wegen der Geistesöde und Gemüthsdürre, die ihn charakterisiren, in Skat gelegt ist — hat sich die geistliche Reaction, die Maitresse des polittschen Rückschritts, zur electtomagnetischen Cur der gelähmten Nerven entschlossen und den Judenmissionär vr. Schul; als Wunderdoctor verschrieben. Dieser hat denn auch in einer Rundreise unser Ländchen und die hochberühmte Mettopole sogar zweimal beglückt, um in seiner Abschiedsrede das offene Bekenntniß abzulegen: „Der Apostel Petrus habe mit einer Predigt 3000 Juden bekehtt, während jetzt auf 3000 Predigten kaum eine Judenseele gewonnen würde." Man kann sich demnach den hohen Cours berechnen, den eine solche für den englischen Missionsverein haben muß, so wie das Agio, welches unser Consistorium in einem glücklichen Falle zu zahlen haben würde, dasselbe Consistorium, welches dem Landesrabbiner ernstlich untersagt hat, eine Gernröder Christin in's Judenchum aufzu-