Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 27 (1863)
- Issue
- Heft 23 (2.6.1863)
- Date
- 1863-06-02
- Page
- Seite 349 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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349 Süd i sch - Lu lturh ist o risch cs. Von David Oppenheim, Rabbiner zu Gr. - Bccskcrek. Es ist eine höchst erfreuliche Erscheinung, daß unsere Zeit der Wissenschaft des Judenthums immer mehr Gerechtigkeit-widerfahren läßt, und die Achtung und Anerkennung derselben mit jedem Tage mehr Verbreitung gewinnt. Selbst die oft verhöhnte jüdisch-deutsche Sprache hat die Aufmerksamkeit der Forscher aus sich gezogen, und es ist die Zeit nicht mehr fern, wie es in einem prächtigen Artikel jüngst hieß, wo die jüdisch-deutschen Lieder und die alten Ausgaben des „Teutsch-Chumesch" von den christlich-germanischen Philologen eifrig studirt werden. In der umfangreichen jüdisch-deutschen Literatur liegen wahrlich noch viele ungchobene Schätze, die besonders für die Culturgeschichte eine reichliche Ausbeute versprechen. Eine Geschichte der jüdisch-deutschen Nationalliteratur würde eben so interessant wie lehrreich sein. Es ist aber vorzüglich die Culturgeschichte, welche für das Judenthum vom höchsten Interesse ist, weil sie uns allein das Verständniß des jüdischen Volksthums und überhaupt des jüdischen Volks¬ und Familienlebens erössnet. Dian braucht nur „die Familie" von Riehl mit Aufmerksamkeit durchzugehen, um sich zu überzeugen, daß man gerade in den düstern Ghettos das Bild „des ganzen Hauses" häustg noch antrifft. Herr Riehl gesteht dies selbst ein und erkennt selbst an, daß „der ächte Jude ein sehr tiefes und concentrirtes Familienleben besitzt, und sogar in dem Bewußtsein des Hauses manchen Deutschen beschämt." Rühmlich zeichnen sich hierin auch die sepharadischen Juden aus, die von der Cultur noch wenig beleckt ein wahrhaft patriarchalisches Familienleben sich allgemein erhalten haben. Wie viele schöne Sitten und Gebräuche finden sich noch heute in den dumpfen Ghettos, die uns der geistreiche Culturhistoriker aus einer längst vergangenen Zeit schildert! Wir werden am Schlüsse unseres Artikels einige Beispiele anführen, und heben vorläufig die eine den sogenannten jütischen Jargon betreffende Bemerkung desselben hervor, die in vieler Hinsicht wahrhaft charakteristisch ist. „Bei den Juden vom alten Schlag, die bekanntlich noch viel mehr altpatriarchalische Familiensitten bewahren als wir, hört man häufig die acht jüdische Redewendung, daß der Sohn den Vater nicht seinen Vater nennt, sondern umschreibend sagt: „er ist der Vater über mich"; selbst der Oheim ist wohl auch noch „der Onkel über ihn". Das ist der ins Hebräische übersetzte baro des mittelalterigen Hauses". — Wie viel derartige Momente könnte ein scharfsinniger Culturhistoriker, dem das jüdisch-deutsche Schriftthum zugänglich, aufzeichnen! Es sind namentlich die alten Volkslieder, in denen die zartesten und gemüthlichsten Anklänge oft wiedertonen! Leider sind dieselben unbekannt und zerstreut und sonderbar genug findet man sie am meisten in den gehässigsten, judenfeindlichsten Schriften, wo sie von den geschmacklosen, vorurtheilsvollen und fanatischen Autoren als Waffe gegen das Judenthum gebraucht wurden. Allein die schönen bezeichnenden Worte, die Herder von der argen Mißhandlung der sinnigen jüdischen Sage unter den robusten Fäusten der Eisenmenger und Ccnsorten sagt, lassen sich wörtlich mutaiis mulandis auf das Volkslied anwenden. „Wo der Rabbi am scharfsinnigsten gewesen war, ward er am dünnsten; eben, wo er den feinsten Witz angebracht hatte, schien er ein rasender Schwärmer. Man machte lächerlich, was man hin und wieder gar nicht verstand; und indem man den schönen glänzenden Staub auf dem Flügel des Schmetterlings mit groben Händen angreifen, ja gar zersägen und zertheilen wollte, freilich so ging der Schmetterling und sein Flügel verloren, und man besudelte sich nur die Hände." — Wir hatten jüngst Gelegenheit ein altes der verdienten Vergessenheit längst anheim gegebenes Werk: Neu verfertigte und geflochtene Iüden-Geißel von E. F. Heß (Frankfurt und Leipzig 1703) zu durchblättern, und wir fanden darin folgendes recht hübsche Volkslied, das, wie der vom giftigsten Hasse gegen seine früheren Glaubensbrüder beseelte Convertit sagt, in der Wochenstube zur Vertreibung der Gespenster von der Wöchnerin gewöhnlich von einer alten Zauberin gesungen wird: Ich mach' einen Kreiß, Den Gott wohl weiß. Aus und ein zu tragen, Gott behüt' Mutter und Kind vor Schaden Gott behüt' Mutter und das Kind, samt dem ganzen Hauß-Gesind, Als mancher Ziegel aus dem Dach, Also mancher Engel bei uns wach. Das werde wahr in Gottes Namen. Amen. Der boshafte Verfasser (Heß widmete sein Pamphlet 15 8 9 dem Churfürsten von Mainz) konnte wohl selbst