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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1863-06-02 · Heft 23 (2.6.1863) · p. Seite 346

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
27 (1863)
Issue
Heft 23 (2.6.1863)
Date
1863-06-02
Page
Seite 346 (sequence 2)
Language
German
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346 und häufig gezwungen, zu Bette zu bleiben, ist er, sobald seine Leiden Nachlassen, noch recht rüstig. Noch viel rüstiger jedoch ist sein Geist, welcher sich wunderbar frisch erhalten, und sein Gedächtnis, Gehör und Blick sind noch scharf und kräftig. Seine Theilnahme für das ihn Umgebende und seine Empfänglichkeit für das Hohe und Schöne sind bewundernswerth. Kommt er auf sein Lieblingsthema, die Verbesserung des Zustandes seiner Glaubensgenossen zu sprechen, so leuchtet sein Blick, seine Stimme wird fest und klar, der gebrechliche Greis wird zum kräftigen Manne und es bemächtigt sich seiner eine merkwürdige Begeisterung. Dabei verliert er nicht einen Augenblick seine würdevolle, imposante Haltung. Sein ganzes Wesen ist ein Gemisch von Herzensgüte und jenem zurückhaltenden edlen Stolze, welchen wir an dem gebildeten Engländer der besseren Stande so sehr bewundern, jenem überlegenen unerklärlichen Etwas, welches das freie, mächtige Britannien seinen edleren Söhnen verleiht und dem sich mit gleicher Gewalt der Neuseeländer, wie der Hindu, der Türke, wie der Europäer beugen muß. — In Sir Moses' Physionomie herrscht der darauf hindeutende, dem Engländer eigene Ausdruck zugleich mit der Schärfe der Züge, welche die Abkömmlinge der alten portugiesisch - israelitischen Familien so deutlich ausgeprägt besitzen. Neben der Sanftmuth spiegelt sich auf diesem Gesichte jene biedere, zähe Festigkeit wieder, die dem sengenden Blicke Mehemet Ali's und des Kaisers Nicolaus gegenüber zu treten wagte. Der ganze Mann, mit seinem schlichten, einnehmenden, besonneuen und stets selbstbewußten Auftreten ist so, wie ihn nur so ein Charakter bilden konnte, die reife, schwellende Frucht eines langen, reichen und segenvollen Lebens! Der hervorstechendste Zug in Sir Moses' Charakter ist eine tiefe, ungeheuchelte, ich möchte sagen verklärende Religiosität, welche sich nicht nur in äußeren Formen offenbart (— er führt eine streng jüdische Küche, versäumt kein Gebet und beobachtet alle durch das Gesetz vorgeschriebenen Gebräuche —), sondern die sich unwillkürlich in Gedanken und Wort kundgiebt. Dieses mächtige religiöse Gefühl trieb ihn zu den großen Thaten seines Lebens, läßt ihn jetzt im höchsten Greisenalter die Strapazen einer langen, im Dienste des Glaubens unternommenen Reise ertragen und hält ihn auftecht inmitten der schwersten Prüfung, die die Vorsehung einem liebenden Herzen auserlegen kann. Vor etwa einem Jahre verlor er die treue Gefährtin seiner Tage, die edle.Lady Judith, die über 50 Jahre lang an seiner Seite gewandelt, an seinem Streben zum Frommen der Nation Theil genommen und ihn auf allen seinen Reisen begleitet hatte, gleich ihm allen Mühseligkeiten und Fährlichkeiten der fernen Zonen trotzend. — Seine Verehrung für die entschwundene Lebensgefährtin ist die tiefste, die man sich denken kann. Als ich ihm meine hohe Beftiedigung ausdrückte, das Ideal meiner Kindheit verwirklicht zu sehen und dem Manne, dessen Ruhm im Herzen jedes Israeliten eingegraben, gegenüber zu sitzen, antwortete er mit unnachahmlicher Leutseligkeit und Bescheidenheit: — „Ich bin kein gro- „ßer Mann; das wenige Gute, das ich vollbracht, viel- „leicht nur vollbringen wollen, ich danke es meinem un- „vergeßlichen Weibe, deren Begeisterung für das Edle, „deren Religiosität mich in meiner Laufbahn unterstützte." Und Thräuen entstürzten den Augen des Greises, doch mit einem Blicke nach Oben „ich werde sie bald Wiedersehen" gewann er seine Fassung wieder. — Nächst dem religiösen ist es der nationale Gedanke, der ihn nie verläßt. Ein unermüdlicher Streiter für Israel, möchte er dessen Wohl und Ruhm stets vergrößert sehen. Die materiellen und intellectuellen Fortschritte der Israeliten, die gesellschaftliche Stellung, welche sie einnehmen, die unter ihnen hervorragenden Capacitäten und ihre gemeinnützigen Anstalten, — dies sind beständige Gegenstände seiner Nachfragen an jedem Orte, den er besucht. Bei der Aeußerung dieser patriotischen Richtung des Baronet offenbart sich der gesunde praktische Sinn seines Heimathlavdes. Als echter Engländer greift er zunächst das Näherliegende an, um in regelmäßig progressiver Weise weiter zu kommen auf der Bahn der Berbesseruugen. Als er zum ersten Male in Palästina war, drängte sich ihm der Gedanke auf, durch Einführung einer nützlichen Industrie den Zustand seiner dortigen Brüder verbessern zu können. Sofort ließ er auf seine Kosten sechs junge Leute nach Manchester gehen, wo sie die Tuch- und Baumwoll-Fabrikation erlernen und bei ihrer Rückkehr das Erlernte nutzbringend machen sollten. In der That erwarben diese Jünglinge in mehreren Jahren eine Geschicklichkeit, wie der beste Arbeiter in Lancashire, und nach Ablauf ihrer Gesellenzeit schickte er sie, mit Webstühlen und Werkzeugen versehen, nach ihrem Lande zurück. „Freilich", setzte der Barouet lächelnd hinzu, „hatte die Sache keinen bleibenden Er- „folg und ging nur gut, so lange ich das Geld her- „gab."

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