Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 27 (1863)
- Issue
- Heft 22 (26.5.1863)
- Date
- 1863-05-26
- Page
- Seite 338 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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338 die alte Unduldsamkeit nicht gestatten würden. Auch giebt es nicht wenige Beispiele, daß auch der polnische Adel den Juden viel Gutes gethan hat und thut. Hat doch z. B. vor Kurzem Gras Thlinski, Besitzer des Ortes Brzesks, eines Städtchens, das von meist armen Juden bewohnt wird, denselben ein großes Stück Feld zum Friedhof geschenkt, und theilt unter denselben jedes Jahr zum Osterfeste reichliche Almosen aus. Factisch ist es daher auch, daß viele Juden sowohl materielle Unterstützung den Polen zukommen lassen, als auch direct auf den Schlachtfeldern am Kampfe Theil nehmen. So sind aus Krakau, Lemberg und ganz Galizien Juden mit nach Polen gezogen und haben tapfer mitgefochten. Von den Juden zu Dzalischiec erhielten die Polen 1000 Hemden und von denen in Wolbram reichliche Speisen und haben Inden jenen, als sie verfolgt wurden, selbst am Sabbathe den Weg durch den Wald gezeigt, wo sie sich flüchten konnten. So wenig Zutrauen die meisten Juden noch immer zu den Polen haben, so fanden sich doch keine Spione unter ihnen, und haben sich daher die Insurgenten im Lublinischen eines furchtbaren Mißgriffes schuldig gemacht. Der Vorgang ist in der „National-Zeitung" unrichtig erzählt worden, der wahre Hergang war folgender: Es reisten nämlich in diesem Kreise vier jüdische Geschäftsleute von einer Hochzeit nach ihrer Heimath. Da begegneten sie beim ersten Dorfe einer russischen Streifpatrouille, die sie ersuchte, eine arme, stumme Jüdin unentgeldlich eine Strecke Weges mitzunehmen. Die Juden, nichts Böses ahnend, willfahrten dem Verlangen, waren aber kaum vier Meilen gefahren, als sie auf eine polnische Abthcilung stießen, die nach den Päffen fragte. Als die Reihe an die Frau kam, stellte es sich heraus, daß es ein verkleideter russischer Spion war. Umsonst betheuerten die armen Juden, daß sie von nichts wüßten, es wurde sofort Kriegsrath gehalten, das Todesurtheil durch den Strang über sie ausgesprochen und an ihnen vollzogen. Wie ich höre, bereuen die Polen dies jetzt sehr, aber zu spät. Lemberg, im Mai. (Privatmitth.) Eine für die hiesige Gemeinde sehr bedeutsame und vielfach ventilirte Frage ist die Besteuerungsfrage, und ist unter diesem Titel vom „Verein für Bildung und Geselligkeit" soeben eine treffliche Brochüre erschienen. Man hat nämlich vorgeschlagen, statt der directen'sog. Simplesteuer eine Koscherfleischsteuer einzuführen und zwar mit 2 fl. auf jeden Ochsen, was circa 12000 fl. jährlich einbringen würde, wahrend die Simplesteuer nur 8000 fl. einträgt, nicht ohne Ungerechtigkeiten vertheilt werden kann und nur ungern getragen wird. Gegen diesen Vorschlag erhebt sich mit ganzer Energie die gedachte Brochüre, was dem Vereine um so mehr zur Ehre gereicht, da seine Mitglieder der wohlhabenden Klasse angehören, die Koscherfleischsteuer aber einen bedeutenden Theil der Steuerlast von der wohlhabenden auf die ärmere Klasse legen würde. Die Gemeinde steht hier vor einer Frage, die seit langer Zeit eine der schwierigsten eingreifendsten Tagesftagen bildet. Die Theorie hat die indirecte Steuer auf unentbehrliche Lebensmittel längst verurtheilt und die Wiffenschaft ihre Ungerechtigkeit und schädlichen Folgen in der greifbarsten Wirklichkeit nachgewiesen. Es war daher der Brochüre leicht, von diesem Standpunkte den Vorschlag zu verwerfen. Sie ist aber nicht dabei stehen geblieben, sondern ging auf das praktische Detail ein. Sie weist nach, daß der Jude in Lemberg pro Pfd. Fleisch zehn Kreuzer mehr zahlt, als der Christ für das Trefefleisch, daß dies wesentlich von den bereits bestehenden Koscherfleischsteuern an Schulfond und Spital bewirkt wird, so jedoch, daß diese das Pfund um fünf Kreuzer theurer machen sollten, während die Fleischer zehn Kreuzer berechnen, so daß diese Steuer der Gemeinde jährlich 100,000 fl. für Nichts und wieder Nichts kostet. Eine neue Fleischauflage würde die Bertheuerung des Fleisches in noch viel größerem Maße bewirken und eine ungeheuere Summe in unreine Hände kommen lassen. Mit gleicher Ueberzeugungskrast werden alle anderweitigen Gründe für die Fleischsteuer widerlegt, und schließlich darauf hingewiesen, daß, wenn so das Koscherfleisch den doppelten Preis des trefenen erreichen würde, eine wachsende Ueberschreitung der Speisegesetze unvermeidlich wäre. Vielmehr solle man die bisherigen Uebelstände bei der Simplesteuer aus dem Wege räumen, dazu sich mit einer nur aus fünf Personen bestehenden Einschätzungs-Commission, deren Erfahrung und Gerechttgkeitssinn für eine so ungeheuere Gemeinde nicht ausreichen kann, nicht begnügen, sondern 1) die Steuerpflichttgen zur Selbstabschätzung veranlaffen und die Bekenntnisse von einer nach Bezirken zu wählenden Vertrauens-Commission aus mindestens 20 Personen prüfen laffen; 2) Jahresberichte über die Einnahmen und Ausgaben veröffenttichen.