Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 27 (1863)
- Issue
- Heft 22 (26.5.1863)
- Date
- 1863-05-26
- Page
- Seite 331 (sequence 3)
- Language
- German
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331 land ansässig waren, und also Jahrhunderte vor der Einführung des Christenthums in Deutschland Söhne dieses Landes geworden, so daß fürwahr eine zweitausendjährige Ansiedelung ein historisches Recht begründet, wie kaum einer der deutschen Stamme aus seinen gegenwärtigen Wohnsitz Nachweisen kann; zweitens, daß die Juden erst mit dem Beginne des letzten Jahrtausends aus dem deutschen Gemeinwesen herausgedrängt und ausgeschlosien wurden, während sie in den früheren Zeiten an vielen Orten zum bürgerlichen Wesen ohne Widerspruch zugelassen waren; endlich drittens, daß sie sich vom Beginne an in Deutschland germanisirten, die deutsche Sprache als Muttersprache sich aneigneten, sie bei weiterer Verpflanzung in die fernsten Gegenden mit besonderer Liebe wahrten, und sogar in ihrer Umgangssprache, was sie von dem Hebräischen gebrauchten, geradezu germanisirten. Dieser letzte Beweis ist durch Lallemant vollständig geführt, so daß nur hier und da Lücken auszufüllen bleiben. Die beiden ersten Punkte stehen geschichtlich fest, und werden immermehr durch die historische Forschung erläutert und speciell erhärtet. Und wenn auch diese Arbeit noch lange nicht zum Abschluß gebracht ist, so kann doch über das Resultat kein Zweifel bestehen. Hiermit sind die Verhandlungen über die Emancipationsfrage an sich abgeschlossen und es können nur noch Special- und Localfragen sich aufdrängen und an der Verwirklichung im Großen und Kleinen gearbeitet werden. HL Nekrolog Rießer's. (Schluß.) Das Jahr 1857 brachte die furchtbare Handelskrise, welche die Zustände Hamburgs schwerer erschütterte, als man je hätte ahnen können. Kein Stand war durch sie stärker in Anspruch genommen als der der Notare; von früh bis spat mußten sie arbeiten, ohne doch den an sie erhobenen Ansprüchen genügen zu können; eine Menge von Hülssnolaren wurde ernannt, um bei dem Drange der Geschäfte mit einzutreten. Rießer hatte seine notarielle Thätigkeit von jeher mit der äußersten Gewissenhaftigkeit ausgeübt; jetzt wurde er völlig überwältigt von ihr, körperlich und gemüthlich wurde er dadurch eingenommen; er fürchtete eine schwere Krankheit, da er wochenlang keinen Schlaf mehr finden konnte, und als zu alle dem noch Undank hinzukam und niedrige Gesinnung ihm kränkend entgegentrat, da entschloß er sich, dem Beruf zu entsagen und ihn Andern zu überlassen, denen er mehr Freude machte als ihm. Nachdem er sich eine Zeit lang erholt hatte, ließ er sich als Avvocat immatriculiren. Aber ihm wurde nicht Zeit gelassen, in diesem neuen Berufe heimisch zu werden. Nach langem Ringen kam eine neue Verfassung in Hamburg zu Stande, deren erste Errungenschaft eine Trennung der Justiz von der Administration war. Das Obergericht, das bisher eine Section des Senats gewesen, wurde nun selbständig constituirt. Am 17. October 1859 wurde Rießer zum Mitglieds desselben erwählt; die Frage, die kurz vorher noch in den preußischen Kammern erhoben und von der Regierung verneint worden, ward hier praktisch entschieden. Der schönste Lohn für seine langjährigen Bemühungen wurde ihm in seiner eigenen Person gewährt, ihm als dem ersten in ganz Deutschland. Wir haben nicht gehört, daß auch nur die geringste Unzuträglichkeit aus seiner Stellung hervorgegangen sei. Liebe und Achtung sind ihm auch in dieses Stadium gefolgt. — Die neue Bürgerschaft, die aus der veränderten Verfassung hervorging, sah Rießer auch in ihrer Mitte und wählte ihn eine Zeit lang zum Vicepräsidenten; er nahm sich hier des weiteren Ausbaues der Verfassung an und stimmte meistentheils mit der Mittelpartei, die weder das Veraltete beibehalten noch Reformen durch Reformen vereiteln wollte. Auch in den Bürgerausschuß wurde er gewählt. Bei der letzten halbschichtigen Erneuerung der Bürgerschaft im Jahre 1862 aber unterlag er: die Wahlkörperschaft wollte statt der ruhigen Bewegung die stürmische Hast. Wir brauchen hierüber nicht ausführlicher zu sein, diese Blätter haben den Punkt zu seiner Zeit hinlänglich erörtert. Rießer's Gesundheitszustand war inzwischen längst erschüttert; asthmatische Beschwerden und die dadurch hervorgerusene Scklaflosigkeit griffen ihn ersichtlich an. Ein scheinbar unbedeutendes Leiden war der Beginn seiner letzten Krankheit, das hinzutretende Fieber und andere gleichzeitig zu Tage kommende Uebel ergriffen ihn mit solcher Gewalt, daß er nach 16tägigem Leiden am 22. April unterlag. Am 26. ward die sterbliche Hülle in's Grab gesenkt; die unzählbare Menge seiner Vereh- ->-> *