Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 27 (1863)
- Issue
- Heft 21 (19.5.1863)
- Date
- 1863-05-19
- Page
- Seite 316 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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316 Hassenpflug die Zügel der Regierung ergriffen, und vermochte er auch nicht, das gesetzlich Bestimmte wieder röckgäugig zn machen, die Anwendung konnte er vereiteln, und so wurden die Juden Hessens um ihre schönsten Hoffnungen getäuscht. Rießer's Gesuch um das hessische Bürgerrecht wurde abschlägig beschiedeu: er hatte Gewinn gehofft für seine persönliche Stelluug, und statt dessen Großes eingebüßt, statt einer milden, im Ganzen wohlwollenden Regierung, wie sie in Hamburg waltete, fand er eine solche, die mit Hohn und Gewaltmaßregeln das Volk quälte. Nur in dem Umgang mit feinen vielen Freunden und Verehrern in dem nahen Frankfurt fand ~ er noch Trost und Freude. So erklärt es sich denn, daß er nach etwa 8—9jähriger Abwesenheit den Bitten Derer, die in Hamburg seinen Verlust nicht verschmerzen konnten, nachgab und da ein kurz vorher erledigtes Notariat annahm. Entsprach diese Thätigkeit auch nicht den Ansprüchen, die er vermöge seines Geistes und Talentes zu erhebe» berechtigt war, so war sie doch in anderer Beziehung eine würdige; die Kcies pul,lies, die mit dem Notariat verbunden iss, sicherte ihm einen bestimmten Platz im öffentlichen Leben, und er konnte auch in engerer Sphäre Gutes und Schönes wirken. Seine juristischen Kenntnisse fanden bei so manchen schwierigen Fragen des Wechsel- und Erbrechtes, die vorzugsweise die notarielle Thätigkeit ausfüllen, einen Wirkungskreis, und die nahe Berührung mit allen Rechtsgelehrten der Stadt führte ihn beständig in das gesammte Gebiet des Ham burgischen Rechtslebens ein. Biele seiner Freunde beriethen schwierige Fälle mit ihm, und ohne ausübender Jurist zu sein, galt er unbestritten für einen der tüchtigsten Rechtsgelehrten Hamburgs und arbeitete unablässig in dieser seiner Wissenschaft. Der Kreis seines Wirkens war daher bedeutend erweitert, doch verlor er das Ziel, das er sich als Vertreter seiner Glaubensgenossen gesteckt hatte, nie aus den Augen. Wo nur immer diese angegriffen wurden oder wo der Schein einer Hoffnung zur besseren rechtlichen Stellung sich zeigte, da finden wir ihn als rüstigen Kämpfer, gegen Bruno Bauer, gegen Streckfuß, bei dem vereinigten Landtag in Preußen, und immer mit gleicher Schlagfertigkeit, immer mit den wirksamsten Waffen in die Arena tretend, bald mit größerem, bald mit geringerem sichtbaren Erfolge. Jedoch auch wo die Wirkungen seiner Worte nicht sogleich zu Tage traten, sie waren nicht ungehört verhallt. Das Jahr 1848 war herangekommen, und der mächtige Strom einer neuen ungeahnten Bewegung brauste durch ganz Deutschland. Ueberall trat das Volk mit bestimmten Forderungen auf, überall waren es die gleichen, uur nach der Localität verschieden modificirt. Das Repressionsshstem der Regierungen hatte Gegendruck erzeugt, und das Volk war zur Mündigkeit gereift. Die Emancipation der Juden war eine allgemeine Forderung des Volkes geworden, des Volkes, das so lange an dem Druck der Juden sich geweidet hatte, um sich für den ihm selbst widerfahrenen Druck zu entschädigen, des Volkes, in dessen Namen die Herrschenden den Juden Recht und Freiheit versagten. Eine sieben zehnjährige angestrengte Arbeit fing nun an, für Rießer Früchte zu reifen. Er wurde in's Vorparlament berufen, und fand sich hier inmitten aller feiner alten Freunde, und gewann täglich neue. In die deutsche Reichsversammlung trat er als Vertreter Lauenburgs; er, der Jude, als Vertreter einer Landschaft, in welcher bis dahin dem Gesetze gemäß kein Jude übernachten durfte. In Frankfurt trat eine neue Seite seines Talentes in das glänzendste Licht, die Beredsamkeit; mit derselben Meisterschaft, wie sie bisher in seinen Schriften bewundert worden war, handhabte er auch die freie Rede. Unbestritten war er einer der besten Redner im Frankfurter Parlament; er sprach mit der vollen Kraft der Ueberzeugung, aus der Wahrheit ging jedes seiner Worte hervor, die Festigkeit feines Charakters, der sittliche Muth adelten seine Rede. Handelte es sich darum, die politische Ueberzeugung zur Geltung zn bringen, ihm fehlten nie die rechten Gründe, ihm stand immer der beste Ausdruck zu Gebote, und auch der Schmuck der Rede, die treffendsten Gleichnisse waren ihm zur paffenden Zeit zur Hand. Galt es -hingegen, dem Zorn über unsittliches Gebahren Luft zu machen, es war nie die niedere Leidenschaft des persönlich Gekränkten, die Tugend selbst und die Wahrheit liehen ihm die Worte, und jedes Wort war ein zweischneidiges Schwert. Als Moritz Mohl es wagte, die verrotteten Vorurtheile gegen die Juden auch in die Paulskirche zu bringen: wie mächtig klangen da Rießer's Donnerworte. Wie tief war sein Schmerz, wie stark seine Entrüstung, als nach dem Morde Auerswald's und Lichnowski's er zum ersten Male wieder die Rednerbühne betrat! Man hatte ihn zum Biceprasidenten gemacht, und als solcher hatte er die Aufgabe, nach dem 18. September wieder die Versammlung zu eröffnen. In seiner politischen Gesinnung ging er mit dem linken Centrum, d. i. mit der Partei, die den vollen Fortschritt der Freiheit will, ohne durch ungestümes Drängen den Erfolg ihres Kämpfens in Frage zu stellen; neben dem