Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 27 (1863)
- Issue
- Heft 21 (19.5.1863)
- Date
- 1863-05-19
- Page
- Seite 315 (sequence 3)
- Language
- German
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SIS Breitung im Lande, wie auch die Gegner früher den Paulus'schen Angriff benutzt hatten, um auf die Mitglieder der Kammer einzuwirken. Der edle Welcker hatte die Selbstüberwindung, bei einer späteren Verhandlung seinen Jrrthum öffentlich zu bekennen, Andere zogen sich schmollend zurück oder setzten ihren Widerstand fort: die öffentliche Meinung aber ward den Juden günstiger, und wäre nicht die Strömung der Zeit eine andere geworden, in Baden hätte die Gleichstellung derselben sich sicher schon damals Bahn gebrochen. Aus andern Ländern konnte Rießer Erfreulicheres berichten, die bairischen Stande redeten ein kräftiges Wort zu Gunsten der schmählich Geknechteten, in Kurheffen ward die volle Gleichberechtigung der jüdischen Bewohner zum Gesetz erhoben. Auch in Preußen konnte man nicht an der lästigen Frage vorübergehen; in allen damaligen provinzialständischen Versammlungen ward sie angeregt, und fast in allen ablehnend beantwortet; die Regierung, die sonst den Forderungen dieser Stände meist ein starres Nein entgegensetzte, betrachtete dieses Mal ihre Entscheidung als den Ausdruck einer „besonnenen Volksstimme". Rießer's Ausführungen über diese Verhandlungen gehören zu dem Besten, was er gearbeitet hat: der Standpunkt war hier ein ganz anderer, mau hatte den „christlichen Staat" erfunden und von ihm aus die Juden nicht verjagt, was mindestens consequent gewesen wäre, sondern ihn als Handhabe gebraucht, sie zu kränken und ihr Recht zu verkürzen. Noch heute sind die Worte, die er sprach, in hohem Grade lesens- und beherzigenswerth, wie überhaupt es eine Täuschung wäre, zu meinen, mit dem Gegenstand sei auch die rechtliche Begründung veraltet. Uebcrall geht Rießer auf die ewigen unbestreitbaren Principieu zurück, und beleuchtet durch sie die Frage nach allen Seiten hin; das Licht, das er somit verbreitet, hat noch immer denselben Glanz, denn immer und immer wieder versuchen Menschen, ihre Brüder zu unterdrücken und die brutale Gewalt für wohlbegrüudetes Recht auszugeben. Tiefe politische Einsicht in das Wesen des Staates und seiner Institutionen durchleuchtet jede Schrift Rießer's, und sie bleiben für alle Zeit eine Fundgrube der Belehrung für Alle, die ähnliche Fragen zu studiren veranlaßt sind. Und wären wir auch wirklich schon dahin gekommen, für praktische Zwecke ihrer entrathen zu können: auch dann wäre ihr hoher Werth nicht vermindert, der sittliche Adel, die tiefe Begeisterung, die Wärme des Mitgefühls für die Leiden seiner Brüder, selbst die künstlerische Form würde sie unter die würdigsten Muster ihrer Art einreihen. Lesen wir denn nicht noch heute die Reden des Demosthenes, der großen Engländer mit gleicher Bewunderung, als hätten wir denselben Kampf mit ihnen zu kämpfen? Ist es nicht gerade ihr Verdienst, daß sie uns noch mit hineinreißen in die Bewegung ihrer Zeit, daß wir mit ihnen zürnen und lieben? So werden auch Rießer's Schriften für seine bedrückten Glaubensgenoffen als Meisterwerke ihrer Art angesehen werden, auch wenn nirgend mehr an Bedrückung Andersglaubender gedacht werden sollte. Sie haben auch schon bisher weithin als Quelle gedient, aus der Die schöpften, die auf ihrem Gebiet gegen Unrecht und Lieblosigkeit zu kämpfen hatten. Auch in Hamburg fing es an, sich zu regen. Hier hatte die Gesetzgebung noch die meisten Feffeln den Juden angelegt und ihnen alle freie Bewegung geraubt; was fast in ganz Deutschland längst gewonnen war, mußte noch als ein wünschenswerthes Ziel des Kampfes betrachtet werden; sie hatten nicht die freie Erwerbsfähigkeit: von allem Gewerke waren sie durch den Zunftdruck ausgeschlossen, es war ihnen nicht einmal gestattet, zu wohnen wo sie wollten. Eine Denkschrift, die im Jahre 1834 dem Senat eingereicht wurde, um mindestens die schreiendsten Uebelstände abzustellen, war in ihren Hauptstücken Rießer's Werk. Und es schien auch, daß sie nicht unbeachtet bleiben würde, die Regierung beschäftigte sich mit der Frage, und es war mindestens Hoffnung zu einer Besserung: da griffen die Gegner zu dem alten bewährten Mittel, einen Volksaufstand gegen die Juden zu organisiren, und erreichten damit ihren Zweck; die Sache wurde als unzeitgemäß zurückgelegt. Rießer war bis in's Innerste erschüttert, er trat auf wo und wie er konnte, er vertheidigte die unschuldig Leidenden vor den Gerichten, er stellte sich den Angreifern entgegen: er richtete nichts aus. Da faßte er den Entschluß, die Vaterstadt zu verlassen und in dem deutschen Lande sich anzusiedeln, wo den Juden keine gesetzlichen Schranken mehr entgegenstanden. Der kurhessische Ort Bockenheim bei Frankfurt wurde seine neue Heimath, hier hoffte er als freier Bürger seinen Kräften angemessen wirken, und die große Aufgabe seines Strebens um so sicherer durchführen zu können. Allein der Rückschlag war in ganz Deutschland erfolgt, die Bundesbeschlüsse vom Juli 1832, die Wiener Ministerialconferenzen vom Jahre 1834 hatten der reactionären Partei wieder Muth und Stärke gegeben; alle Fortschritte wurden gehemmt, in Hessen hatte 21 *