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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1863-05-12 · Heft 20 (12.5.1863) · p. Seite 304

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
27 (1863)
Issue
Heft 20 (12.5.1863)
Date
1863-05-12
Page
Seite 304 (sequence 6)
Language
German
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304 Inhalt sei, daß es sich also nicht um eine Kritik der jüdischen Religion handele, der orthodoxe Jude sowohl wie der Reformer haben ihm denselben Anspruch auf das unveräußerliche Recht der Gleichheit im Staate. Darum erklärte er es für ein Gebot der Ehre, nicht zu weichen vom Kampfplatze, so lange noch das letzte Recht zu erkämpfen sei, und forderte zu einer Vereinigung in diesem Sinne auf, damit auch der Schwache gekräftigt werde durch das Anlehnen an die Menge Gleichgesinnter. Bis in die letzten Schlupfwinkel verfolgte er die Bemäntelungen der Gegner, und stellte sie in ihrer Nichtigkeit dar. Die Leidensbruder erfüllte er mit Stolz und mit Selbstbewußtsein^ daß sie den Feinden, wo auch immer, entgegenträten. Dieses Buch war in einem Styl verfaßt, der die freudigste Bewunderung hervorrief: in der Erstlingsschrift erkannte man den Meister, und sehr bald wurde Rießer in Darstellungen der deutschen Literatur als einer der Musterschriftsteller für politische Beredtsamkeit aufgeführt. Ganz Deutschland ward für Rießer begeistert, vor Allem, wie natürlich, die Glaubensgenossen. Der ersten Austage seiner Schrift folgte in wenigen Monaten die zweite, und die Emancipation der Juden wurde unter die unerläßlichen Forderungen aller Freiheitsfreuude in den politischen Bestrebungen, die das Jahr 1830 hervorrief, aufgenommen. Aber auch die Gegner wurden wachgerufen, und kein Geringerer als der Kirchenrath Paulus in Heidelberg, ein Vorkämpfer des kirchlichen Liberalismus in den ersten Jahrzehnten unseres Jahrhunderts, war es, der zuerst gegen Rießer auftrat, und in einer weitschweifigen Denkschrift das Opfer einer „unschuldigen Ceremonie" von den Juden erheischte, wenn sie von dem deutschen Vaterlande als vollberechtigte Söhne ausgenommen werden wollten. Als dieses Werk erschien, erregte es Rießer's Zorn in so hohem Maaße, daß er zu jeder andern Beschäftigung im Augenblick unfähig wurde, es raubte ihm den nächtlicben Schlaf, und so schrieb er in sechs Tagen hintereinander die denkwürdige Gegenschrift: „Vertheidigung der bürgerlichen Gleichstellung der Juden gegen die Einwürfe des vr. Paulus, den gesetzgebenden Versammlungen Deutschlands gewidmet", in welcher er eine so scharfe Dialektik und eine so schneidende Polemik übte, wie man sie bis dahin noch wenig gekannt hatte, am wenigsten von einem Juden gegen einen Christen, und zwar gegen einen Christen, der sich immer für einen Ritter der Freisinnigkeit ausgezeben hatte und auch vielfältig als solcher betrachtet wurde. Der edle Zorn gab ihm Beredtsamkeit, und sie zerschmetterte den plumpen Widersacher, und zeigte ihn noch am Abend seines Lebens in seiner vollen Blöße. (Fortsetzung folgt.) Zeitungsnachrichten. Deutschland. Kassel, 24. April. (Privatmitth.) Bor Kurzem starb hier in dem hohen Alter von 95 Jahren Herr Heinrich Sigismund Friedemann. Geboren zu Jnoworaclaw (Posen), verließ er als ein armes „Jüngelchen", wie er zu sagen pflegte, die polnische Heimath. Natürlich hatte der polnische Judenknabe, mit Ausnahme des Talmuds, gar nichts gelernt. Sein Leben war längere Zeit ein vielbewcgtes, aber auch Geist und Herz bildendes. Zu der Zeit, als Referent ihn kennen lernte, war er schon in den achtziger Jahren, doch noch frischen Geistes und von dem lebendigsten, wärmsten Eifer für alles Gute beseelt. Er war ein Freund des Fortschrittes, jedes Unternehmen zur Förderung der Bildung seiner Glaubensgenossen und Verbesserung ihrer bürgerlichen und politischen Verhältnisse eifrig unterstützend und hing am Judenthum, dessen Läuterung ihm besonders am Herzen lag, mit einer für sein Alter bewundernswürdigen Begeisterung. Ein Feind aller Vorurtheile kannte Friedemann in seiner Wohlthätigkeit keinen Unterschied zwischen Juden und Nichtjuden, und hat er bei den in seinem Testamente ausgesetzten Legaten die Nichtjüdischen ebenso freigebig als die Jüdischen bedacht. Er vermachte nämlich zwei allgemeinen Anstalten 2oö Thlr. und 50 Thlr., sechs christlichen Anstalten, jeder 200 Thlr.; sechs jüdischen, jeder 200 Thlr.; zwei jüdischen, jeder 500 Thlr., außerdem einem mohlthätigen Vereine seiner Vaterstadt 200 Thlr.; einer jüdischen Maurerloge zu Frankfurt a. Main 100 Thlr. und endlich dem Tempel zu Hamburg, „in Anerkennung seiner Verdienste um die Verbreitung einer würdigen Gottesverehrung unter den Israeliten und in Dankbarkeit für die Stunden wahrhafter Andacht" 100 Thlr.; zusammen 4050 Thlr., sowie eine anzukaufende deutsche und hebräische Büchersammlung für die Schulanstalten zu Jnoworaclaw.

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