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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1863-05-12 · Heft 20 (12.5.1863) · p. Seite 303

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
27 (1863)
Issue
Heft 20 (12.5.1863)
Date
1863-05-12
Page
Seite 303 (sequence 5)
Language
German
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303 ben ihm während seines ganzen Lebens theuer: aber auch wenn es galt, einzustehen für die Ehre seines Standes oder für seine persönliche Ehre, trat er niemals zurück, und war daher unter den Studenten allgemein geachtet und geliebt. Viele Freundschaftsverhältnisse mit Männern, die Deutschland nachmals zu den Edelsten und Besten zählte, wurden hier in Heidelberg geschlossen, und viele Reisen, ein kürzerer oder längerer Aufenthalt in arideren Universitätsstädten verbanden ihn auch außerdem mit einer großen Zahl ausgezeichneter Jünglinge, nicht minder mit hochgestellten Männern und edlen Frauen. Tenn wohin er auch kam, bald wurde er der Liebling di.rer, die ihn kennen lernten. Mit Männern ernst und dem Höchsten zustrcbend, konnte er mit Frauen und Mädchen in heiterstem Scherze sich ergehen, und auch den Kindern war er zugcthan und erwarb sich ihre Liebe in hohem Maaße. Seine Wünsche aber waren mit der Wissenschaft innig verknüpft; sein Sehnen ging dahin, auch einmal an einer Universität zu lehren und die Jugend für seine Studien zu begeistern. Gewiß hätte er für diese Thätigkeit einen hervorragenden Beruf bewährt; sein reiches Wissen, seine tressliche Gabe der Mittheilung, und sein ernstes sittliches Wollen und Können würden ihn gewiß zu einem ausgezeichneten Lehrer gemacht haben. Aber damals schien es noch undenkbar, daß ein Jude, wenn auch noch so begabt, in den Lehrkörper einer Hochschule eintreten könnte; man glaubte ihn nur zulassen zu dürfen, wenn er dem Glauben seiner Väter entsagte; ob aus dem Inneren seiner Ueberzeugung getrieben, ob aus Eitelkeit oder Ehrsucht, ob aus noch niedrigeren d. lotiven, darnach fragte man nicht: nur das äußerliche Vekenntniß wurde verlangt; wie groß auch die Einbuße an sittlichem Werth dabei sein mochte, man war befriedigt.*) Nicht Viele hatten die Kraft, den Lockungen zu widerstehen, die so drängend an sie herantraten: unter den Wenigen war Nießer einer der Ersten. Bald nach beendigten Studien hatte er den Schmerz, den geliebten Vater noch in der Fülle der Kraft zu verlieren; vielleicht war dies die Veranlassung, die ihn noch mehrere Jahre von Hamburg fernhielt; er lebte theils in Frankfurt, theils in anderen Städten des südlichen Deutschlands, wiederholt in Heidelberg, und begann in dieser Zeit seine *) Rießer stellte bei der badischen Negierung den Antrag, ihm zu gestatten, sich als Privatdocent in Heidelberg zu habilitiren, aber er wurde abschlägig beschießen. Redaction d. A. Z. d. Jud. ersten schriftstellerischen Arbeiten auf dem Felde der gelehrten Jurisprudenz. 1830 kehrte er nach Hamburg zurück, um da seinen, dauernden Aufenthalt bei Mutter und Geschwistern zu nehmen; die Thätigkeit, die er hier als die ihm angemessenste beanspruchen konnte, war die Advocatur. Aber auch hier trat ihm das Vorurtheil in der Gestalt des geheiligten Gesetzes entgegen: die Jmmatriculation als Advccat wurde ihm verweigert. Zum Glück war er in der Lage, jeden Nebenweg, um den gesetzlichen Formen zum Trotz den Anwaltsberus auszuüben, verschmähen zu können, und so machten die Umstände fast ohne sein Zuthun ihn zum Schriftsteller. Genährt, wie er war, mit dem vollsten Bewußtsein des Rechtes, mußte der Widerstreit zwischen diesem und den herkömmlichen Satzungen, die an die Stelle desselben getreten waren, ihn bis in die innersten Tiefen seines geistigen Lebens verletzen. So war es daher der äußere Anlaß, der ihn zur rechtlichen Erörterung der bürgerlichen Stellung der Juden führte, denn von ihr war er persönlich zuerst getroffen, und in ihr erkannte er einen der schwersten Schäden des öffentlichen Lebens in Deutschland. So trat er denn am Ende des Jahres 1830 mit der Schrift hervor: „Ueber die Stellung der Bekenner des mosaischen Glaubens in Deutschland." Der Gegenstand war von Vielen schon vorher behandelt, von Manchen mit ausgezeichnetem Talent, von Twesten in den Kieler Blättern, von Börne in seiner meisterhaften Schrift: Der ewige Jude, und von mehreren Anderen. Dennoch erregte die Rießer'sche Schrift gleich bei ihrem ersten Erscheinen das größte Aufsehen bei Freunden und Widersachern. Hier zum ersten Mal wurde die Unterdrückung der Juden nicht als eine einzelne Erscheinung im politischen Leben vorgeführt, sondern in ihrem Zusammenhang mit allen häßlichen und hassenswerthen Ueberhebungen, die sich der Starke so gern gegen den Schwachen erlaubt, mit der Unterdrückung des Bürgcrstandes durch den Adel, der Neger durch die Weißen u. A. Zum ersten Male sprach ein Jude mit der lautesten Sprache der tiefsten Entrüstung, nicht bittend, nicht einräumend, nicht sich begnügend mit theilweiscr Befriedigung seiner Ansprüche, sondern auf das volle Recht sich berufend, und auf nichts als das Recht. Auch keinen Zoll breit wollte er weichen, nicht gab er irgend etwas von den Vorwürfen zu, die dem Juden in so reichem Maaße zugeschüttet werden, die Unsittlichkeit erkannte er nur in den Unterdrückern; er zuerst zeigte, daß in der ganzen Frage kein religiöser

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