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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1863-05-12 · Heft 20 (12.5.1863) · p. Seite 302

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
27 (1863)
Issue
Heft 20 (12.5.1863)
Date
1863-05-12
Page
Seite 302 (sequence 4)
Language
German
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302 hoch anzuschlagen ist.*) Er war nicht blos in talmudischem und religiös-philosophischem Wissen einer der hervorragendsten unter seinen Zeit- und Glaubensgenossen, sondern ebenso vorzüglich in umfassender Kenntnis; der neueren Literatur und tiefem Eindringen in den Geist derselben. Wer diesen Edlen gekannt hat, wird in ihm das Bild eines ächten Weisen verehren.**) In seinen frühesten Lebensjahren wurde der Knabe mit den Eltern und der ganzen Familie nach Lübeck versetzt, und die ersten Eindrücke des erwachenden Geistes hat er hier empfangen; viele Freundschaften, die er dort in seiner ersten Kindheit angeknüpft, hat er bis an's Ende seines Lebens treu bewahrt. Das Geschäft, das den Vater nach Lübeck geführt, war im Jahre 1816 beendigt, und er stedelte sich wieder in Hamburg an. Unter den Lehrern, die nunmehr aus Rießer's Bildung besonders wohlthätig einwirkten, ist Dr. Heinrich Würtzer zu nennen, in dessen Hause er mehrere Jahre verlebte. Würtzer war ein Mann aus der französischen Schule des vor. Jahrhunderts, der aber mit den Einseitigkeiten dieser Richtung das edelste Gcmüth und einen unbestechlichen Sinn für Wahrheit und Freiheit verband. Diese wußte er seinem Zögling einzuflößen, daß sie die Richtsterne für sein ganzes Leben wurden.***) Sehr früh gewann *) Rießer's Vater war Sohn des Oettinger-Wallerstein'schen, aus Großpolen stammenden Rabbinen, eines nach allen Seiten hin ausgezeichneten jüdischen Theologen, der guter deutscher Concipist und im Lateinischen, Französischen und Englischen wohl bewandert war und einen sehr klaren systematischen Kops besaß. Rießer's Mutter war Tochter des Altona-Hamburger Oberrabbinen Raphael Cohen, berühmt durch einige talmudische Werke, durch den Cherem gegen Samuel Marcus und durch seinen Dialog mit Salomon Maimon. Unser Hamb. Corresp. **) Im Jahre 1819 schrieb Rießer's Vater ein Sendschreiben an seine „Glaubensgenossen" gegen die Eiferer gerichtet, welche die Gründer des Hamburger Tempels verdächtigten. Es ist im Druck erschienen. Redaction der A. Z. d. Ä. ***) Ihm dankten es die Eltern noch mal später, daß er den Knaben nickt zu einem Wunderkind erzog, sondern mit weiser Einsickt auf Selbsterkenntniß und ächte Bescheidenheit hinwies. Dr. I. In welchem Geiste Rießer erzogen worden, spricht er in seiner ersten Schrift selbst mit folgend. Worten aus: „Wir haben nichts an der Religion unserer Väter zu rachen, wir haben nur Ursache sie zu lieben; denn wir sind ohne Voruriheile und ohne einen drückenden Ceremoniendienst in einem reinen Gottes-Glauben, in dem Rießer dadurch die Unabhängigkeit und Klarheit des Geistes, die ihn charakterisirtcn, und wußte sich auch eben sobald die Anerkennung dieser Eigenschaften bei Andern zu erobern. Als er die höheren Klassen des Johanneums besuchte, konnte er sich nicht in die festen Formen des vorgeschriebenen Lehrganges fügen, und wenn ihn daher eigene Studien, die er früh und angestrengt unternahm, in andere Bahnen trieben, wurde er oft Wochen, ja Monate lang nicht in der Klasse gesehen: was Anderen strenge Rüge, ja schwere Ahndung gebracht haben würde, ging an ihm ohne weitere Folgen vorüber, nur selten wurde von den Lehrern eine, meist scherzende Bemerkung darüber gemacht, denn sie wußten, daß nicht Leichtsinn oder Unsittlichkeit das Motiv war, sondern die Reife seines Geistes, die seinen Jahren vorauseilte. Bei seinem Scheiden von der Schule bekundete er denn auch durch eine in griechischer Sprache gehaltene Abschiedsrede sein ernstes Studium. Er war kaum achtzehn Jahre alt, als er die Universität bezog, um der Rechtswissenschaft sein Leben zu weihen: in Kiel vorbereitet, fand er in Heidelberg die erwünschten Führer für seine Studien, Thibaut und Mittermaier. Thibaut hatte in einer berühmten Controverse seiner Zeit den Berus vindicirt, die Gesetzgebung mit dem Rechtsbewußtsein des Volkes in Einklang zu bringen, und lehrte in diesem Sinne; Mittermaier strebt noch heute in hohem Alter dahin, die deutschen Gesetze durch Zurücksührung auf die ewigen Principien des mit uns gebornen Rechtes dem Ideal der Sittlichkeit näher zu bringen. Von diesen und geistesverwandten Männern wurde damals in Heidelberg die Jurisprudenz gelehrt, und Rießer nahm mit vielen gleichstrebenden Jünglingen ihre Worte in tiefem Ernst und freiester Selbstarbeit in sich auf. Die reichen Gaben seines Geistes und sein glückliches Gedächtniß ließen bei Fernerstehenden die Meinung kaum aufkommen, als ob die Wissenschaft ihn auch so erfüllte, wie es von ihm erwartet wurde: wenn es sich um heiteren Lebensgenuß handelte, zog er sich nie zurück, und die edlen Freuden des Studentenlebens blieunbesiegbaren Vertrauen aus eine göttliche Führung und auf den endlichen Sieg des Guten und des Rechten erzogen, die Kraft ist in uns frisch erhalten worden, um sie gegen die Despotie des herrschenden Glaubens zu wenden; denn diese allein trägt die Schuld an Allem, was uns hindert und einengt." Die Redaction d. A. Z. d. I.

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