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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1863-05-12 · Heft 20 (12.5.1863) · p. Seite 301

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
27 (1863)
Issue
Heft 20 (12.5.1863)
Date
1863-05-12
Page
Seite 301 (sequence 3)
Language
German
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301 und der politischen Bildung. Daß die College», nämlich die Mitglieder des Obergerichts nicht fehlten, versteht sich von selbst, sodann viele Senatoren und sonstige ausgezeichnete Personen aus dem Richter- und Juristenstande. Der Sarg war nicht bester als die jedes andern hiesigen Juden, 4 ungehobelte Bretter und 2 Brettchen. Nach dem Zidduk ha Din wurden 3 Reden gehalten. Zuerst der Prediger Dr. Frankfurter, der in auffallend kurzer Rede im Aufträge der Tempeldirection die Verdienste Rießer's um uns Juden kurz, aber sehr kräftig hervorhob, und nicht unerwähnt ließ, daß R. an fast allen hiesigen jüdischen Verwaltungen thätigen Theil genommen (er war unter Anderm 6 Jahre lang Mitglied des Gemeindevorstandes und 4 Jahre bei der Tempeldirection), daß er dem edelsten Kampfe von Jugend an seine Kräfte gewidmet und in seiner eigenen Person Deutschland ein herrliches Beispiel einer jüdischen Persönlichkeit aufgezeigt hat. Hierauf sprach Dr. Jsaac Wolffson, Advocat und derzeitiger Präsident der hiesigen „Bürgerschaft". Er entwickelte vorzüglich Rießer's Leben als ein schönes harmonisches Ganzes, wies nach, wie fast wunderbar bei ihm in Erfüllung ging, was so selten, daß nämlich der Vorkämpfer einer edeln Sache auch noch ihr Gedeihen erlebt, ja noch mehr, daß er durch ganz außenliegende Umstände noch selbst die reifsten Früchte davon genießt, da er der erste jüdische Gerichtsrarh in Deutschland ward. Er, den die Idee des Rechts sein ganzes Leben hindurch beseelt, dem der gerechte Richter das höchste Ideal des Menschen war. Mehr auf dem Gebiete des allgemeinen Glaubens redete dann Dr. Aegidi (Lutheraner), Profestor der Geschichte am hiesigen academischen Ghmnasio. Derselbe sprach als unsterblichkeitsgläubiger Christ zu eben solchen Israeliten, benutzte viele biblische Stellen aus dem Alten und dem N. T. und schloß mit den besten Stellen aus Nathan's Drei-Ringen-Erzählung. Gesungen ward von dem Quartett einer hiesigen Loge. Das Ganze machte einen erhebenden Eindruck. Sonnabend ist Denkfeier und Denkrede im Tempel.* *) *) Ich vernehme, daß Viele, die Rießer nicht kannten, sich in ihm den unerbittlichen oratorischen Donnerer denken. Ganz im Gegentheil.' Einen milderen, kindlicheren, heitereren Menschen giebt es nicht. Er hat wohl in seinem ganzen Leben von Niemandem etwas Uebeles gesagt. Als angenehmer Gesellschafter war er sehr bell!. Nekrolog Rießer's. (Aus „das Neue Hamburg" No. 34 vom 28. April.*) Ein treues Lebensbild Rießer's zu geben, möchte kaum ein Einzelner unter den Zeitgenossen im Stande sein, da so mannigfaltige Richtungen in ihm einen VereinigungsPunkt fanden; nur die Erinnerungen der verschiedenen Freunde in ein Ganzes verbunden könnten ihn so darstellen, wie er immer und überall war: was hier geboten wird, giebt anspruchslos Bruchstücke, wie sie im Drange des Augenblicks und unter dem erschütternden Eindrücke des Verlustes von einem Freunde, der ihn viele Jahre seines Lebens in naher Beziehung zu beobachten und zu lieben Gelegenheit hatte, gegeben werden konnten. Gabriel Rießer war zu Hamburg am 4. April 1806**) geboren. Sein Vater, Lazarus Jacob Rießer, war ein höchst ausgezeichneter Mann, dessen Einfluß auf die Geistesentwicklung dieses seines jüngsten Sohnes sehr gehrt und man möchte sagen täglich ausgebeten. Den ersten Anstoß zu seiner Richtung gab wohl der Umstand, daß er mitten im tollsten Kampfe aufblühte. Sein Vater zog nämlich (als Lotteriedireclor) 1813 nach Lübeck. 1817 wurden die während der französischen Zeit dort eingewauderten Juden, von denen sogar Einige noch als Freiwillige dienten, gewaltsam aus-getrieben; und 1815/16 zogen auch Rießer's nach Ablauf ihres Contractes wieder nach Hamburg. Die ersten Dokumente, die er schreiben sah, werden die auf diese Angelegenheiten bezüglichen gewesen sein. De. Friedr. Luchholz, der Advocat der Lübecker Juden, war Hausfreund bei Rießer's. Der Corresp. Das Testament des Herrn Obergerichtsraths De. Rießer wurde gestern im Rarhause publicirt. Es ist am 8. Juli 1861 errichtet und setzt den Bruder des Dahingeschiedenen als Universalerben ein. Des Verstorbenen Correspondenz oder ähnliche Papiere sollen den betreffenden Personen eingehändigt, andere Scripturen, bei denen sich dies nicht thun läßt, vernichtet werden. (Der „Freisch.") *) Dieser Nekrolog ist, wie uns mitgetheilt wird, von Dr. Jsler verfaßt und scheint uns im Momente das entsprechendste Lebensbild Rießer's zu geben. Die Redaction. **) Nicht am 3. April, wie in manchen Büchern angegeben wird. Rießer selbst kannte nach der Sitte seines elterlichen Hauses nur das Datum seines Geburtstages, wie es in der jüdischen Zeitrechnung angegeben wird: es ist der Vorabend des Passahfestes <14.Nisan). Dr. I. 20*

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