Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 27 (1863)
- Issue
- Heft 19 (5.5.1863)
- Date
- 1863-05-05
- Page
- Seite 293 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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293 Denn leider muß man es gestehen, daß diese ihren Bestrebungen nicht gleichen Schritt halten, und mit aufrichtigem Schmerze muß jeder gebildete Jude fragen: Wie kommt es, daß so bedeutende, über so viele materielle und geistige Mittel gebietende Gemeinden, wie Brody, Tarnopol, Tarnow, Rzezow u. s. w. noch immer im allen Schlendrian verharren, während dieselben Gemeinden für Kränzchen, Casino's u. a. dgl. moderne Unterhaltungs-Anstalten Zeit, Raum und die nothwendigen Geldmittel besitzen. Doch diese Angelegenhell ist eine zu hochwichtige, um im Vorbeigehen berühtt zu werden. Wir behallen uns vor, dieselbe in einem ausführlichen Attikcl näher zu erörtern, wie wir auch das Project des hiesigen Vorstandes, die bisherige directe Gemeindesteuer in eine indirecte (Fleischabgabe) zu verwandeln, nächstens einer eingehenden Kritik unterwerfen wollen. Schließlich noch etwas aus unserem literarischen Leben. In wenigen Tagen schon erwarten wir eine höchst interessante Novität, die uns die Leipziger Messe bringen soll, ein größeres poetisches Werk von Pr. Moritz Rappaport — dem rühmlichft bekannten Verfasser des „Mose" —, unter dem Titel: „Bajazzo". Es ist dies ein Gedicht der originellsten Att, überreich an poetischen Schönheiten, zündenden Gedanken, das nicht blos das innerste Getriebe eines jüdischen Familienlebens uns entrollt, sondern auch vom höheren Standpunlle das polnisch-jüdische Volksleben von dem Zeitpunlle an erfaßt, als der civilisatorische Impuls der Mendclssohn'schen Epoche in die stagnirende Masse Leben und Bewegung brachte. Die Wirkung dieses Gedichtes ist eine fast dramatische, die Erzählung überaus spannend, die Charaktere scharf und prägnant gezeichnet, und wie dem poesiereichen Dichter BerS und Bild zu Gebote stehen, hat er in diesem größern Werke mehr noch als sonst bewährt. Die erste Abtheilung — das Ganze zählt deren zwei — ist ein poetisch - satyrischer Bilderkasten, der uns kaleidostopisch die buntesten Tableaux entrollt und mit frischem, sprudelndem Humor und mitunter mit scharfer Satyre die Gebrechen unserer Tage in politischer, literarischer und in socialer Beziehung geißelt. Böhmisch-Leipa, 21. Aprll. (Privatmitth.) „Und Licht wird doch nie Finsterniß!" Dieses Ihr begeisterndes Motto, hochgeehrter Herr Redacteur, das ich so oft als kscsiwlle unter Ihrem Bilde lese, dieses trostreiche Motto durchzuckte meine Seele am 17. April l. I. bei der feierlichen Grundsteinlegung zur neuen Synagoge in unserer Gemeinde. Ja, dieser Wahlspruch bewähtte sich hier in glänzender Weise; denn es war ein erhebender herzergreifender Anblick, als man die Notabilitaten unserer Stadt bei der Feierlichkeit sich einfinden sah, und der erfreuliche Gedanke, wie das Licht der Bildung und der Toleranz immer mehr an Ausdehnung gewinne, um nie wieder der Finsterniß anheim zu fallen, mußte eines jeden Herz mit Wonne erfüllen. Es war ein vom heitersten Himmel begünstigter Tag, da erschienen der k. k. Hr. Bezirksvorsteher, der gräflich v. Kaunizischer Hr. Amtsdirector von der nahe gelegenen Herrschaft Neuschloß, unter deren Schutz die hiesige Eultusgemeinde früher gestanden, der k. k. Hr. Kreisgerichtspräsident, der hochwürdige Augustinerordensconvent, der Hr. Bürgermeister, der Hr. Major in Begleitung mehrerer Herren Officiere vom hiesigen bürgerlichen Scharfschützencorps, alle in Uniform, so wie eine Menge angesehener Bürger verherrlichten die Feier durch ihre Anwesenheit. Der israel. Männer-Gesangverein eröffnete die Ceremonie mit dem Absingen des Psalms 127: „Wo der Herr das Haus nicht baut". Hierauf erörterte unser verehrter Rabbiner Pr. Sam. Bäck in einer innig warmen Rede die Bedeutung der Feier, und manche Thräne der Rührung sah man in den Augen der Zuhörer glänzen. Der übrige Theil der Feierlichkeit, die Verlesung und Unterzeichnung der in den Stein zu legenden Denkschrift, die Hammerschläge, die abgesungenen Psalmen und Dolkshymne machten einen tiefen, bleibenden Eindruck. Hervorheben aber muß ich noch die großartige Munificenz des Herrn Grafen Alb recht von Kaunitz, der der Gemeinde Baustoffe im Betrage von 12,000 fl., die in ^jährigen Raten unverzinslich abzuzahlen sind, und zudem in seinem hier befindlichen Schlosse Localitäten für den Gottesdienst und für die dreiklassige Schule auf die Dauer des Synagogenbaues und der Schule überläßt. Die Gemeinde muß für diese edle, hochherzige Hülfe dem hochgeb. Herrn Grafen v. Kaunitz sich um so mehr znm innigsten Danke verpflichtet fühlen, als es ihr ohne diese Hülfe wahrscheinlich noch lange nicht möglich geworden wäre, das längst gefühlte Bedürfniß einer andern Synagoge zu befriedigen und der sehnlichste Wunsch darnach wäre gewiß auch noch lange nur ein frommer geblieben. 19