Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 27 (1863)
- Issue
- Heft 19 (5.5.1863)
- Date
- 1863-05-05
- Page
- Seite 292 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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292 Oesterreichischer Kaiserstaat. Prag, 18. April. In dem böhmischen Landtag hat der Abgeordnete Kuh einen Antrag wegen „Erlassung einer Cultus - Ordnung für die Israeliten in Böhmen" eingebracht, der einer Commission übergeben worden, welche auch ihren Bericht erstattete. Da aber heute bereits der Landtag geschlossen worden, kommt die Angelegenheit diesmal nicht zur Verhandlung. Wien, 19. April. Auf dem österreichisch-schlesischen Landtage beanttagte ein „katholischer Priester und Vertreter einer bedeutenden Commune", daß in das katholische Schullehrer-Seminar auch protestantische und jüdische Zöglinge ausgenommen werden sollen, weil dieses Seminar aus allgemeinen Landesfonds bestritten werde, zu denen ebenso Protestanten und Juden, wie die Kacholiken beisteuerten. Auch bei Berachung des Gemeindegesctzes und der übrigen Landtagsvorlagen stand er, trotz der Anwesenheit des Herrn Fürstbischofs, fast stets auf der Seite der Opposition und verfocht die Forderung der liberalen Partei. Krakau, im April. (Privatmitth.) Die Zustände der hiesigen Gemeinde verbleiben dauernd in chrer Armseligkeit. Die Repräsentanz besteht meist aus Erzchassidim, die sich jeder Veränderung widersetzen, selbst solcher, die keinen reformatorischen Zweck, sondern die Aufrechthaltung und Verbreitung der Thora beabsichtigt. Die Männer der deutschen Gemeinde leisten keinen Widerstand, sondern fühlen nicht einmal zu ihrer eignen Vertheidigung den Muth. So sollte jüngst in deren Tempel zum ersten Male eine Beschneidung stattfinden, aber die Mohelim erschienen nicht, obgleich sie es Tags zuvor fest versichert hatten. Aber Niemand regte sich, um diese Beschimpfung der ganzen Gemeinde zurückzuweisen. Der atte Gemeindevorstand ist nicht mehr in Activität, aber ein neuer noch nicht gewählt. Die beiden wichtigsten Functtonen, die Entscheidung ritueller Fragen und die Schlichtung von Streitigkeiten zwischen Gemeindegliederu, hat der Rabbiner von sich ab- und dem Rabbinats-Collegium zugewiesen, dessen Mitglieder die ehrwürdigsten, talmudisch gelehrtesten und tolerante Männer sind, der einzige Schatz, der Krakau von seiner alten Berühmtheit geblieben. Aber sie werden auf's kärglichste salarirt, indem ein Rabbinats-Asseffor nicht mehr als 16 fl. monatlich er- HAt. Was kann man aber bei drückenden Nahrungssorgen wirken? Es giebt hier zahlreiche Vereine, die bei einiger Aufsicht und Einwirkung seitens des Rabbiners viel Gutes leisten könnten, deren Verwaltung aber seit langer Zeit daniederliegt. Wie steht es aber erst mit dem Jugendunterricht der Maste? Nicht blos der Unterricht in allen profanen Zweigen fehlt, sondern auch der in Bibel und Talmud ist vernachlässigt, und so weit er besteht, dem erdrückendsten Mechanismus verfallen. Von wannen wird uns Hülse kommen?! Lemberg, 20. April. «Privatmitth.) Der Aufstand, der seit mehreren Monaten in unserem Nachbarlande wüthet, hat hier die leidige Judenfrage zum Schweigen gebracht, die durch das intolerante Auftreten unserer „Stadtväter" wieder brennend zu werden drohte. Mehr als die Waffen des Wortes und des Geistes haben die Kanonenschüste von der Weichsel her unsere modernen Judenfresser zur Besinnung gebracht und sie zwar nicht überzeugt, daß ihre Tendenzen mit dem 19. Jahrhundert, wohl aber mit den Aussichten chrer Sache im Widerspruche stehen. Das vielberüchttgte Gemeindestatut, das seiner Zeit so vielen Staub in den Journalen aufwirbelte und auch in der „Zeitung des Judenchums" Gegenstand eingehender Erörterung war, ist vor der Hand ad acta gelegt worden, um hoffentlich nie wieder von den Todten zu erstehen. Die hochwichtigen Ereignisse auf dem uns so nahe liegenden Schauplatze haben für den Augenblick das Interesse an den kommunalen Angelegenheiten in den Hintergrund gedrängt. Doch können wir nicht umhin der sehr anerkennenswerthen Thätigkeit zu erwähnen, die unser neuer Gemeinde-Vorstand entwickett. Bor Allem ist hieher die Berufung des Herrn Bernhard Löwenstein aus den hiesigen Predigerposten zu zählen, der durch seine gediegenen Vorttäge, wie durch seine außerordentliche Thätigkeit die Gemeinde aus ihrer Lethargie aufzurütteln verstand, und dessen Wirken sich der allgemeinsten Anerkennung erfreut. Der Tempel, die gottesdienstlichen Vorträge sind hier wie überall die bewegende Kraft, die nicht blos in chrer speciellen Sphäre, sondern auf alle Verhättniffe der Gemeinde belebend und segensvoll einwirken. Hier thut es aber doppelt Noch den Tempel zu Ehren zu bringen, da das Beispiel der Hauptstadt auf die kleineren Gemeinden von maßgebendem Einflüsse ist.