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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1863-04-28 · Heft 18 (28.4.1863) · p. Seite 271

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
27 (1863)
Issue
Heft 18 (28.4.1863)
Date
1863-04-28
Page
Seite 271 (sequence 3)
Language
German
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271 nach Gestaltung rangen, mächtige Kämpfe und Parteiungen hervortraten, so hatten sie dennoch niemals eine gesonderte Ausprägung in dauernden concreten Secten zur Folge, sondern nach Durchkämpfung der Streitelemente verschwanden diese wieder, und die fixer gewordene Phase vereinigte in sich, was sie ihrem Geiste nach von dem Resultate ihrer Parteien gebrauchen konnte. Erweisen wir dies aus der Geschichte. Das Judenthum fand nach der Zeit des Patriarchalismus im Mosaismus eine einheitliche und consequent in sich abgeschloffene Begründung. Der einzige Widerspruch im Aufstande des Korachs war von keiner Dauer und Folge. In dem nächsten Jahrtausend fand in Israel noch die Spaltung zwischen der Gotteslehre und dem Heidenthume Statt, aber Lies war keine Spaltung in der ersteru selbst. Der Kampf war ein heftiger, von großen Zuckungen begleiteter, in die erste Zerstörung und Berbannung endender, und der Prophetismus war die. Len Mosaismus vielfach erweiternde Phase, welche diesen Kampf durch und zum Siege führte. Der Prophetismus ist aber in allen seinen Gliedern ein ebenso einheitlicher, wie der Mosaismus selbst. Während des zweiten Bestandes begann allmählig die große Auslegung und Verarbeitung des mosaischen Gesetzes, die wir jetzt die Tradition nennen, und sich als die dritte Phase, der Talmudismus, ausbildete. In dieser Periode geschah es, daß zum ersten Male verschiedenartige Aussaffung und Parteiung sich zeigte, und, so lange das politische Element sich damit vermischte, auch zu äußeren, zum Theil blutigen Kämpfen führte. Zwar die verschiedenartige Aussaffung in einzelnen Büchern der Hagiographen, z. B. in Koheleth, hatte keine für uns sichtbare Folge, wie auch der Tempel des Onias zu Heliopolis nur ein schwaches Abbild des jerusalemischen, eine Synagoge mit Opser- Lienst, nicht aber das Object einer Secte war. Dagegen kann die Existenz der drei Parteien der Pharisäer, EffLer und Saduzäer nicht weggeleugnet werden, wie auch der Zwiespalt zwischen den Schulen Hillel's und Schamai's ein sehr bedeutsamer war. Dennoch finden wir bald von jenen keine reale Spur mehr, und die Ausgleichung dieser geschah durch die Praxis fast ohne Kamps: ein Bruch im Judenthume erfloß aus allem Diesen nicht. Nur der kleine Bruchtheil der Karäer löste sich wie ein geringer Zweig vom großen Stamme als Widerspruch gegen die bereits entwickelte Tradition ab, ohne aber der Nvthwendigkeit einer Tradition entgehen zu können, die der Karaismus nur von Neuem und selbstständig anfing. Nach dem Abschlüsse des Talmudismus begann als vierte Phase der Rabbinismus, der keine andere Aufgabe hatte, als aus dem großen Chaos der talmudischen Tradition sich ein festes Land zu concentriren, das unveränderlich die Normen des jüdischen Lebens stabil erhalte. Ehe der Rabbinismus diese seine Aufgabe, zu einer völlig fixirlen Stabilität zu gelangen, ganz löste, mußte sich ein abermaliger Kampf erheben, der hauptsächlich in der Bekämpfung des Maimonides, außerdem aber in vielen andern kleineren Parteistreitigkeiten, z. B. des Salomon ben Adereth, zu Tage trat. Aber auch diese Kämpfe brachten keine Sectirerei zu Wege, der Rabbinismus ging über sie hinweg, nahm die halachischen Arbeiten gerade des Maimonides als eine seiner tüchtigsten Grundlagen für sich, und überließ ruhig seine philosophischen Werke dem Studium der danach gelüstenden Individuen. Als sich später neben dem großen Stamme des halachischen Rabbinismus noch die Mystik der Kabbala aufrankte, blieb der letzter« Raum genug, um fortzuwuchern, ohne ein Anderes zu bewirken, als daß den Individuen überlassen blieb, von deren mysteriösen Ceremonien zu üben, was ihnen beliebte. Die Lehren der Kabbala wurden von der Synagoge weder sanctionirt, noch verurtheilt und verketzert. Als einen ganz besonderen Beweis, daß im Judenthume der ursprüngliche Trieb, sich in der Einheit zu erhalten, dauernd lebte, haben wir hier noch anzuführen, daß auch die nicht unbedeutenden Verschiedenheiten in der Liturgie, welche in den Synagogen der einzelnen Ländercomplexe erwuchsen, zu keiner Spaltung in Secten führten, eine Erscheinung, die sich auf keinem andern Religionsgebiete wiederholt. Wenn die sog. Spanier und Portugiesen sich in socialer Beziehung, selbst im Heirathen, von den übrigen Glaubensgenoffen fern hielten, so lagen nicht religiöse, sondern eine Art aristokratischer Motive zu Grunde, da sich in Lehre und Gesetz selbst keine Differenz herausstellte. Seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts entspann sich allmählich eine neue Phase der Entwickelung, die sich von den früheren mehr unterscheidet, als eine der andern, in deren Entfaltung wir jetzt noch begriffen sind, deren endliche Gestaltung noch nicht resultirt ist, deren Geist und Ziel aber schon begriffen werden können. Wenn nämlich auch früher schon und zwar in der babylonischen Gefangenschaft, in der griechisch-römischen und spanisch-arabischen Periode die Juden mit dem Culturleben der Völker in nähere Berührung traten, und dadurch unleugbar influirt 18*

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