Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 27 (1863)
- Issue
- Heft 18 (28.4.1863)
- Date
- 1863-04-28
- Page
- Seite 270 (sequence 2)
- Language
- German
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270 zwischen Osten und Westen verewigend, vor sich ging, und nicht minder schied sich dann durch die Reformation der Norden vom Süden. Wenn es der katholischen Kirche da, wo sie sich herrschend erhalten, durch eine beispiellos günstige hierarchische Organisation gelang, eine compacte Einheit zu bleiben, so entstanden hingegen in der griechischen Hunderte von Seelen, die theils in den wesentlichsten Principien, theils aber auch nur in den geringfügigsten Dingen sich widersprechen, aber mit der ausdauerndsten Hartnäckigkeit aller Gewalt gegenüber sich am Leben zu erhalten die Kraft besaßen. Wie vielen Kirchen die Reformation in den von ihr ergriffenen Ländern und Landchen Entstehung gab, brauchen wir nur aozudeuteu, und ist der Wirrwarr der Seelen hier so groß, daß nur ein ausgedehntes Studium die Kenntniß aller zu verschaffen vermag. Auch ist diese Erzeugung neuer Secten jetzt noch nicht abgestorben, wie die Unitarier, die Jrvingianer, die Deutsch-Katholiken, christliche freie Religionsgemeinde, die neuen Seelen in Schweden u. A. beweisen, selbst wenn wir die Mormonen und die ganz freie Religivnsgesellschaft, wie sie sich bereits an mehreren Orten von der christlich freien Gemeinde getrennt hat, als völlig vom Christenthume abgefallen, nicht hierherziehen. Hierbei ist aber nun nicht zu verkennen, daß es nicht blos vermeintliche Verschiedenheiten, nicht blos Unterschiede in nebensächlichen Lehrsätzen sind, welche die Kirchen und Secten deS Christenthums trennen, sondern daß die durchgreifendsten Widersprüche und Gegensätze sich in solchem Maße in ihnen auspragen, daß fast jede Kirche und jede Secte ein völlig anderes Bild vom Christenthume aufstellt, dessen ungleichartige Züge nur wenig Aehnlichkeiten verrathen. Aber auch innerhalb derselben Kirche und Secte, namentlich so weit diese auf dem Boden der Reformation erwuchsen, erscheinen uns sehr verschiedenartige Auffassungen des Christenthums, und Niemand wird ein Zollikosfer'sches, Bretschneider'- sches, Schleiermacher'sches und Hengstenbergisches Christenthum identificiren wollen. — Die zweite Eigenlhümlichkeit besteht nun aber darin, daß alle diese außerordentlichen Verschiedenheiten nicht etwa in geschichtlichen sich nach einander entwickelnden Phasen bestehen, so daß die eine nach der andern und aus einander entstand, blühete und überwunden wurde, sondern daß sie alle neben einander existiren, die Erscheinungen alteren Ursprunges mit zähester Lebensdauer auch in der Jetztzeit fortdauern und voraussichtlich noch eine lange Zukunft vor sich haben. Es ist dies ebenso innerlich wie äußerlich der Fall. Die römische Kirche z. B. bewahrt ihr Princip der unverrückbaren Stabilität noch heute wie jemals, würde, wenn die Völker und ihre Herrscher sich nicht entgegenbäumten, noch jetzt zu der Verfassung der mächtigsten und furchtbarsten Päpste zurückgreifen und das Jnquisitionsgericht wieder Herstellen, und eine Zeit, in welcher das bekannte Dogma über die Mutter der Jungfrau sanctionirt und diesem Dogma öffentliche Denkmäler aufgerichtet werden konnten, muß sich an Gläubigkeit mit jeder vergangenen messen können; wohingegen die protestantische Kirche ihr Princip der Kritik auch heute trotz allen Anstrengungen der Pietisten unleugbar sich in ihrem Schooße erhält, wie die Kritik der biblischen Bücher, die von protestantischen Forschern, ohne als aus der Kirche geschieden angesehen zu werden, geübt wird, erweist. Was folgt hieraus? Daß die Frage, was Christenthum sei, nicht anders beantwortet werden kann, als indem wir dem Christenthume in seine ganze Zersplitterung und Verästelung folgen und uns jedem speciellen Producte desselben speciell gegenüber stellen. Wir haben es mit dem Christenthume des N. T., mit dem römischen, griechischen, lutherischen, reformirten, anglikanischen u. s. w. Christenthume zu thun, und es würde uns auch, concret genommen, eine jede dieser Kirchen es sehr verübeln, wenn wir eine derselben als den Typus aller andern ausehen und beurtheilen wollten. Der Weg ist dadurch ein viel weiterer und mühseligerer, aber es giebt keinen andern, um gerecht und wahr zu sein. Es versteht sich von selbst, daß es eine kleine Zahl von Dogmen giebt, welche alle Kirchen und Secten, so lange sie noch christlich sein wollen, bekennen müssen, und die daher als das Allgemeine und Gemeinsame des Christenthums anzusehen sind; aber sobald man an das eigentliche Verständniß dieser Dogmen geht, stößt man eben auf das völlige Auseinandergehen, und dann erhalten selbst diese Dogmen ihr eigentliches Leben erst aus der weitern Verarbeitung und ihren Consequenzen. In beiden Momenten bietet aber das Judenthum den vollen Gegensatz. Die großen Verschiedenheiten, welche das Judenthum befaßt, sind nur die Phasen seiner Entwickelung innerhalb der beinahe vier Jahrtausende seines Bestandes, Phasen, welche sich theils nach den Gesetzen des Geistes, theils aus de» geschichtlichen Vorgängen und Einwirkungen, nach- und auseinander entwickelten; und wenn in den Epochen, wo diese Ent- I Wickelungsphasen des Judenthums sich herausbildeten und