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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1863-04-21 · Heft 17 (21.4.1863) · p. Seite 264

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
27 (1863)
Issue
Heft 17 (21.4.1863)
Date
1863-04-21
Page
Seite 264 (sequence 12)
Language
German
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264 Unterdessen kam die verzweifelte Mutter wieder nach Kowno zurück und meldete die mit ihr vorgefallene Geschichte dem hiesigen Stadt-Rabbiner. Seinen Bemühungen gelang es, das Kind in der Kammer aufzufinden und es der Mutter anzuzeigen. Das Kind erkannte bald die eintretende Mutter und streckte nach ihr die Händchen aus. Da es doch aus diesem augenscheinlich hervorging, daß diese Jüdin wirklich die Mutter dieses Kindes sei, so hatte weder der Rabbiner noch die Mutter daran gezweifelt, daß man ihr bald das Kind zurückgeben würde und dachten nicht, daß etwas dabei noch zu thun sei. Unterdessen verstrichen vier Tage und man hatte noch keinen festen Entschluß gefaßt, was mit dem Kinde anzufangen sei. Die Mutter trennte sich die ganze Zeit nicht von ihrem Kinde und blieb unaufhörlich in dem Hause des Bedienten der Kammer. Am fünften Tage endlich haben die humanen Priester der Themis der Mutter das Kind entrissen, unter dem Vorwand, daß, sobald dasselbe christlich getauft ist, es nicht mehr im Judenthume erzogen werden kann. — Sie können sich die Berzweifelung der Mutter verstellen. Aber weder ihr Weinen noch ihr herzzerreißendes Schreien rührte unfern gerechten Richter. Man entriß ihr das Kind und schickte es in ein Dorf zur Erziehung. Nach allem erfolglosen Bitten, Weinen und Schreien begab sich die Mutter zu dem hiesigen Gouverneur, welcher chr versprach, sich ihrer Sache anzunehmen und alles nach den Gesetzen verfügen zu lasten. — Es sind aber schon mehr als drei Wochen vorüber und noch ist das Kind seiner Mutter nicht zurückgegeben worden, und der Himmel weiß, ob es je geschehen wird! — Türkei. Smyrna, 17. März. (Arch. isr.) Am letzten Donnerstag, den 12. d. M., ereignete sich in unserer sonst so ruhigen Stadt Etwas, das dem Mittelalter Ehre machen würde und zu einer neuen Bartholomäusnacht hätte führen können. Gegen Mittag verbreitete sich in der ganzen Stadt unter den Griechen das Gerücht, daß die Juden ein Kind geraubt und ihm die Hand abgehauen hätten, um das Blut davon zum Gebrauch der Mazzoth zu nehmen. Alle Juden und besonders die Armen, die sich in den griechischen Vierteln befanden, sind mißhandelt, mehr oder weniger verwundet und beschimpft. Diesmal war es nicht der Pöbel, sondern die sogenannten gebildeten Stände, welche den Pöbel anfeuerten, die Juden ohne Unterschied zu beschimpfen. Man muß der Ortsbehörde Dank wissen, daß sie auf der Stelle den Polizeichef abgesandt hat, um neue Schandchaten zu verhindern und man hat mehr als einige 30 Griechen arretirt, unter welchen ein gewisser Havier, ein griechischer Kaufmann, der unter seinen Collegen von Ansehen ist. Wenn auch unsere Glaubensgenossen sich bis heute sürchten, aus dem Frankenquartier sich zu entfernen, sind sie doch wenigstens sicher, nicht von den Griechen mastakrirt zu werden. Die eingeborenen Katholiken und Europäer, welche, um die Juden gegen die fanatischen Griechen zu vertheidigen, ihr Leben gewagt haben, verdienen alle Anerkennung. Sie hätten sehen müssen, wie die Frauen ihre Männer antrieben, die armen Juden zu schlagen. Die Kaufleute, die vermöge ihrer socialen Stellung nicht selbst handeln konnten, regten die Griechen an, die Juden zu beschimpfen. Die Vorsteher der jüdischen Gemeinde verfehlten nicht ihre ottomanischen Unterthanenrechte und ihre bürgerliche Gleichberechtigung geltend zu machen; der Vice-Gouverneur (der Gouverneur war abwesend) hat große Energie entwickelt und es ist ihm gelungen, diese Schändlichkeitn zu ersticken. Die ftemden Consuln waren allesammt voller Entrüstung und haben jeder einzelne an seinen Gesandten nach Konstantinopel telegraphirt. Die Ursache dieser barbarischen Handlungen ist folgende: Im armenischen Viertel besteht eine amerikanische Schule von einem zum Protestantismus übergetretenen Juden geleitet und in dieser Schule sind Schüler verschiedener Confessionen. Zwei der Schüler haben sich miteinander gezankt; einer von ihnen, der Schuldige, ein Kind von 10 bis 12 Jahren, wurde von dem Director in der Schule zurückbehalten. Die Mutter verlangte ihn heraus, er wurde ihr verweigert. Von da ab spinnt sich der Faden der Verleumdung. Die Griechen , welche die Mutter ihr Kind fordern sahen und sich unter einander zuflüsterten, daß der Professor ein Jude sei, verbreiteten das Gerücht, daß das Kind zurückbehalten würde, um sein Blut zu nehmen. Der Eine sagte, daß man ihm die Hand mit einem Rasirmesier abgeschnitten habe, daß die Juden ihn in ihren Häusern unter einer Tonne verborgen hätten; mit einem

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